Kino

Der goldene Handschuh
Ein Interview

© 2019 bombero int. / Warner Bros. Ent. / Gordon A. Timpen

Zum Filmstart von „Der goldene Handschuh“ war Thorsten Majer, Redakteur und Filmkritiker, für uns bei der Berlinale und hat mit Jonas Dassler, Fatih Akin und Heinz Strunk gesprochen. Ihr erfahrt Spannendes über den Hintergrund des Buches, warum Dassler nach dem ersten Casting zum HNO-Arzt musste und wie Akin trotz aller Gewalt die Würde behält …

Majer: „Der Film ist beeindruckend, aber auf eine verstörende Art und Weise. Er beruht auf einer wahren Begebenheit und den etlichen Frauenmorden des Fritz Honka im Hamburg der 70er Jahre. Der junge Hauptdarsteller Jonas Dassler verkörpert den Serienmörder Honka so einprägsam, dass einem die vor Gewalt triefenden Bilder schwerlich aus dem Kopf gehen.“

 

Jonas Dassler

re.flect: Jonas, wie hast Du Dich dieser außergewöhnlichen Figur und Rolle angenähert?
JD: Nun, ich habe erst einmal das Buch von Heinz Strunk gelesen, der ja wirklich sehr gut recherchiert hat und an Materialien über Honka gekommen ist, die vorher noch gar nicht veröffentlicht wurden. Dann habe ich versucht, mich in diese krankhafte Psychologie des Serienmörders und die Geschichte in Hamburg hineinzuversetzen. Das Spiel selbst ist natürlich genauso eine Interpretation, wie das Buch von Heinz eine Interpretation ist. Die Maske und der Dialekt haben dabei sicher geholfen, da das Äußere hier das Innere sehr stark beeinflusst hat.

re.flect: Wie war das mit der Maske?
JD: Das ist eine längere Geschichte (lacht), denn beim ersten Casting sollte meine eigene Nase mit so einem Gummipfropfen deformiert werden, was aber damit geendet hat, dass der in meiner Nebenhöhle gelandet ist und ich erst mal zum HNO-Arzt musste. Die drei Maskenbildner haben sich aber so in das Thema reingefuchst und ganz hervorragende Arbeit geleistet, dass ich vor jedem Dreh rund drei Stunden in der Maske saß.

re.flect: War es nicht manchmal schwierig, Abstand zu gewinnen von so einer krassen Rolle, einem so krassen Charakter?
JD: Das war eigentlich eher bei der Einarbeitungsphase mit den ganzen Texten und Informationen und dem Hineindenken schwierig, weil ich mir selber Grenzen setzten musste, wann ich aufhöre, über die Rolle nachzudenken. Beim Dreh selbst habe ich das gar nicht so empfunden, weil ich durch die lange Maske vorher und nachher ja immer Zeit hatte, mich darauf einzustellen und auch wieder abzuschalten. Diese Struktur des Tages war daher sehr hilfreich – und abends bin ich eigentlich immer nur völlig fertig eingeschlafen (lacht).

re.flect: Sie haben mal gesagt, dass Sie mit jeder gespielten Figur im echten Leben ein Bier trinken gehen würden … Trifft das tatsächlich auch auf Fritz Honka zu?
JD: (lacht) Ja, solche flapsigen Aussagen holen einen immer wieder ein. Aber ja, ich denke schon, denn auch diese Figur hat mich in einer gewissen Weise berührt und ich würde ihm bei dem Bier natürlich sagen: „Hör auf! Lass den Scheiß!“ – Das hat ihm damals leider keiner gesagt und keiner hat ihm wirklich zugehört. Aber das Interessante ist doch: Das war ein Monster und doch ein Mensch, also einer von unserer Spezies. Und sein Wunsch nach Normalität und gleichzeitig die Unfähigkeit das hinzubekommen, das war schon auch in gewisser Weise berührend, ohne dass das natürlich irgendwas entschuldigen oder rechtfertigen kann.
 

Fatih Akin

re.flect: Was war Ihnen bei dieser doch recht heftigen Umsetzung des Romans „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk wichtig?
FA: Mir ist wichtig: Ich muss mir die Gewalt glauben. Die Aufgabe ist dabei, die Würde zu behalten und auch nicht in so eine Tarantino- oder Von-Trier-Nummer reinzukommen. Im richtigen Moment wegschwenken, nicht alles zeigen und so in den Kopf des Zuschauers kommen.

re.flect: Die Schlager im Soundtrack bringen ja auch so eine bestimmte Stimmung in den Film, was war Ihnen bei der Auswahl der Titel wichtig?
FA: Es durfte nur keine Lachnummer werden, also spielen wir natürlich nicht „Ein bisschen Spaß muss sein“, wenn Honka gerade eine Frau umbringt. Mir war auch wichtig, dass die Dialoge und was sonst in der Kneipe abläuft sehr authentisch ist. Deshalb war einer der beiden Besitzer des wirklichen „Goldenen Handschuh“ auch am Set und hat uns beraten.

re.flect: Wie war die Arbeit mit Jonas Dassler?
FA: Wahnsinn. So einen Schauspieler gibt es maximal alle zehn Jahre. Es wäre eine Sünde gewesen, das nicht mit ihm zu drehen. Und er hat das ganz hervorragend umgesetzt, was ich mir vorgestellt habe.

re.flect: Die Vor- und Nachgeschichte aus der Romanvorlage haben Sie bewusst ausgelassen?
FA: Ich hatte das ins Drehbuch geschrieben. Die Zeit als Kind und die Zeit danach. Aber ich habe es weggelassen. Das wäre wie eine Erklärung rübergekommen bei einem Thema, zu dem es keine Erklärung gibt. Und deswegen hab ich’s rausgeschmissen. Trotzdem war mir wichtig, dass die Figur eine gewisse Tragik hat, denn er wünscht sich ja eigentlich nur ein spießiges Leben, mit Frau und Job und Ruhe im Karton. Aber nicht mal das bekommt er hin und das ist tragisch.

re.flect: Der Dreh wurde sehr schnell durchgezogen …
FA: Ja, als klar war, dass es nichts mit dem Oscar wird, haben wir den Dreh vorgezogen und dann auch wirklich zügig erledigt. Ich habe kurz vorher den „Van Gogh“ gesehen und da sagt Willem Dafoe: „Du musst das Bild in einem Strich malen“ und so ähnlich war das hier. Wenn ich zurückblicke, würde ich mittlerweile auch sagen, dass die instinktgesteuerten Filme von mir am Ende auch immer die besseren waren (lacht).

 

Heinz Strunk

re.flect: Wie sind Sie mit der Umsetzung Ihres Buches zufrieden?
HS: Sehr. Es ist ja auch, gerade was die Dialoge angeht, sehr nah am Buch geblieben (grinst). Um alles reinzupacken, wie z. B. den Reeder-Plott, dazu hätte man wahrscheinlich ’ne Serie machen müssen – was ja mal im Gespräch war.

re.flect: Haben Sie auf das Drehbuch oder den Dreh Einfluss genommen ?
HS: Nein, das wollte ich auch nicht. Ich finde es albern, wenn man so rummotzt wie Michael Ende bei „Die unendliche Geschichte“ damals. Fatih hat mir irgendwann die Drehbuchversion gezeigt und ich fand das gut gelöst, vor allem das Ende.

re.flect: Wie kamen Sie zu den Figuren und Dialogen? Selbst in den „Goldenen Handschuh“ reingesetzt?
HS: Ja, das sind Leute, die habe ich im „Goldenen Handschuh“ kennengelernt, oder besser gesagt beobachtet und daraus habe ich dann die Figuren geschnitzt. Der Anus z. B. ist ein real existierender Kellner, der auch wirklich nicht weiß, was Anus ist. Sowas wie den „Goldenen Handschuh“ gibt es selbst in Hamburg kein zweites Mal (grinst).

re.flect: Was ist Ihr nächstes Projekt?
HS: Also als nächstes kommt „Die Intimschatulle“ als Buch – das sind so Tagebuchauszüge, die auch in der TITANIC kamen, dann mein neues Album „Aufschrei der dünnen Hipster-Ärmchen“ und der Kalender: „Wixvorlagen 40+, mit Heinz Strunk erotisch durchs Jahr“.
 

INFO: Der goldene Handschuh

Seit dem 21.02.19 in den deutschen Kinos

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