Interview

Interview:
Joy Denalane

Sechs Jahre sind seit ihrem letzten Album vergangen. Nun meldet sich Joy Denalane mit „Gleisdreieck“ zurück, auf dem sie sich nicht nur ihrer Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart und vor allem ihrer Heimat Berlin widmet. Neben der warmen Soulstimme der zweifachen Mutter sind darauf auch Labelkollege Megaloh sowie Ahzumjot und Tua zu hören, außerdem gibt es Bonustracks mit Feature-Parts von Marteria, Chima Ede, Rin und Eunique. Wie die Arbeit an der neuen Platte verlief, womit sie in der Zwischenzeit beschäftigt war und was sie an Stuttgart fasziniert, hat uns die Sängerin und Frau von Max Herre im Interview verraten.

Es sind schon einige Jahre nach deinem letzten Album ins Land gegangen. Was hast du in der Zwischenzeit gemacht und wann hast du beschlossen, dass jetzt Zeit für neue Musik ist?
Ich habe eigentlich direkt nachdem die Kampagne zur letzten „Maureen“-Platte zu Ende war – das geht ja immer so etwa ein Jahr ab Release, dass man auf Tour geht, reist und alle möglichen Dinge macht, um diese Platte zu erzählen – angefangen mich zu sammeln, in Klausur zu gehen und Sound zu machen. Ich habe relativ spontan angefangen und viel geschrieben, war in New York, habe dort Aufnahmen gemacht und bin dann etwa ein Jahr später mit einem Album zurückgekommen und habe gesagt: „Ich denke, ich bin jetzt so weit”, die Leute an die Tische gerufen und gefragt, wie wir es machen wollen – wann, wo, was. Die Maschinerie war somit sozusagen angeschmissen, aber ich habe mich unterdessen doch noch mal zurückgezogen und die Platte angehört, die ich raus bringen wollte und das Gefühl gehabt „nee, das ist es noch nicht“. Also habe ich die Platte zurückgezogen und gesagt: noch mal von vorne.

Was hast du beim zweiten Anlauf an der Art und Weise vorzugehen verändert?
Ich glaube, ein Punkt, den viele Leute kennen, die schon über einen bestimmten Zeitraum Musik machen ist dass man das Gefühl hat, jetzt muss man aufpassen, nicht redundant zu werden. Sich nicht zu konservieren und zu wiederholen, wofür man steht und wofür man bekannt ist. Ich habe mich gefragt „Wie kann ich es angehen, etwas zu erzählen, das Joy ist, aber vielleicht irgendwo aus einem neuen Blickwinkel erzählt werden kann?” Deshalb habe ich mich dazu entschieden mein Camp zu erweitern und neue Leute hinzuzuziehen – Songwriter und Komponisten – was total interessant war, weil ich mit diesen Leuten auch eine neue Sprache entwickelt habe. Wenn man Songwriting macht, redet man ja über Dinge, die einen bewegen und die haben oft mit den eigenen Erfahrungen zu tun und man muss oder will sich zumindest davor schützen einen kompletten Seelenstriptease vorzuführen. Also versucht man eine Sprache zu entwickeln, auf der man wie ein Seiltänzer die Dinge auffischt, die irgendwie relevant sind und dennoch sein Gesicht nicht verliert. Das ist cool, weil man durch diese Art der Sprache und mit neuen Leuten auch andere Fragen gestellt bekommt, als die, die man schon gewohnt ist und die eigentlich ohnehin schon beantwortet sind. Ich bin auch älter geworden – wenn Dinge passieren, denkt man zu einem bestimmten Zeitpunkt X so und so darüber und an einem anderen Punkt hat sich der Gedanke weiterentwickelt oder die Resolution hat sich verändert.

Diese andere Herangehensweise merkt man den Songs an. Die Texte sind sehr persönlich, aber es ist vom Sound her in gewisser Weise auch poppiger, zugänglicher.
Es kann sein, dass eben durch die Zusammenarbeit mit anderen Leuten andere Dinge wesentlicher wurden. Für mich war es auch Teil der neuen Herangehensweise, dass der Gesang nicht mehr als Virtuosität oder künstlerische Qualität im Vordergrund steht, sondern eher die Geschichte transportiert. Das bedeutet, bei der Melodie zu bleiben und vielleicht ist es auch das, was du mit der Zugänglichkeit meinst – dass man mehr Möglichkeit hat, der Geschichte zu folgen und weniger dem Sound der Stimme.

Weißt du noch, welcher Song vom neuen Album als Erstes fertig war?
Ich glaube tatsächlich „Himmel berühren“.

Gerade von diesem Song gibt es mehrere Versionen. War das von Anfang an so geplant?
Das hat sich so entwickelt. Es gab bestimmte Songs, die haben sich für mich angeboten, um ein Feature einzuladen. Bei „Himmel berühren“ und „Zwischen den Zeilen“ fand ich einfach zwei MCs interessant und beide hatten Lust, etwas zu machen – da wollte ich auch nicht entscheiden, wer jetzt drauf darf und wer nicht. Beide Perspektiven waren total erzählenswert und interessant. Ich bin einfach ein Rap-Fan von Stunde eins an – wie könnte ich sowas dann nicht zeigen wollen!

Wie kam es zu den anderen Gästen auf dem Album?
Bei Materia geht es ja sozusagen way back – mit ihm hatte ich zu seiner Durchbruchzeit einen gemeinsamen Auftritt auf dem Echo und durch die Zusammenarbeit mit seinem Management war da einfach eine gewisse Nähe. Wir haben uns immer mal wieder hier und dort getroffen, da gab es schon eine Historie und das war für mich der Moment, in dem ich sagen konnte „Hey, jetzt möchte ich endlich mal den Marten fragen, ob er Lust hat was zu machen!” Chima Ede, der ja auch Berliner ist, habe ich erst über Megaloh entdeckt, den fande ich total spannend, richtig gut! Außerdem hatte ich Bock, auch junge Leute zu zeigen, die neue Generation, wie zum Beispiel auch Eunique. Die habe ich zum ersten Mal tatsächlich über meinen Sohn wahrgenommen, der mich gefragt hat: „Wie findest denn du die?“ Ich fand’ sie super, habe dann angefangen, sie ein bisschen zu verfolgen und fand’ sie total passend für „Zwischen den Zeilen“. Ich hatte einfach Glück, dass alle zugesagt haben. Es ist ja manchmal auch so, dass es zeitlich oder irgendwie inhaltlich nicht passt, aber tatsächlich kam bei jedem, den ich angefragt habe, auch ein positives Feedback.

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Gibt es zu den anderen Feature-Gästen auch so schöne Geschichten?
Rin war zum Beispiel auch witzig, weil ich ihn das erste Mal bei euch in Stuttgart gehört habe. Als ich zu Besuch war, bin ich in diesen Sneakerstore, Suppa, und dort lief Rin. Das ist jetzt schon zwei Jahre oder so her, aber ich fand es extrem interessant und cool. Deshalb haben wir den Typen gefragt: „Wer ist das?” Und er kannte ihn irgendwie persönlich – so bin ich auf Rin gestoßen, das war wirklich personal research! Bei Uchenna, also Megaloh, war für mich auch klar, dass er bei mir auf dem Album unbedingt was machen muss. Mit Tua habe ich noch auf anderen Ebenen für diese Platte gearbeitet, den Song „So sieht man sich wieder“ habe ich zum Beispiel gemeinsam mit Tua und Maxim geschrieben und ich fand’ das hat sich einfach sehr, sehr gut angeboten, da eine Strophe von ihm drauf zu haben – wie die Faust aufs Auge. Und dann noch Ahzumjot natürlich. Ein großartiger Part, den er da gemacht hat. Ahzumjot habe ich auch ganz lange immer wieder aus der Ferne beobachtet. Ich habe ihn gar nicht persönlich kennenlernen können vorher und hatte einfach so das Gefühl: Was macht eigentlich der Ahzumjot? Was macht der eigentlich gerade? Und dann habe ich seine Nummer bekommen und ihn angeschrieben und er war voll da, hat direkt Lust gehabt und ich habe ihn gleich ins Studio eingeladen. Er saß da, hat sich alles angehört und gesagt er ist dabei!

Inwiefern macht es für dich ein Unterschied, Songs auf Englisch oder auf Deutsch aufzunehmen?
Für mich eigentlich gar nicht so sehr, wie man vielleicht denkt. Ich glaube die Leute draußen denken, das ist ein Riesending und ich kann aus meiner Perspektive nur sagen: Deutsch ist meine Muttersprache, insofern ist es natürlich auch die erste zugängliche und überhaupt meine natürliche Sprache – also ist es naheliegend, dass man auf Deutsch singt oder schreibt. Aber viele können sich einfach nicht vorstellen, was das für ein Impact ist, wenn man als musikalisches Kind mit englischsprachiger Musik und sonst gar nichts aufgewachsen ist. Ich wusste natürlich, dass es Volksmusik gibt und im Fernseher lief das dann ja auch mal oder die Neue Deutsche Welle, aber alles, was mich wirklich richtig angesprochen hat, womit ich mich auch musikalisch identifizieren konnte, war immer englisch. Deswegen ist das eigentlich die erste Musiksprache von Joy Denalane überhaupt. Und komischerweise ist das Kauderwelsch, das ich verwende, wenn ich mich zurückziehe und Melodien schreibe, was man benutzt bevor überhaupt der Text da ist, bei mir immer englisch. Deswegen ist für mich die englische Sprache überhaupt kein Widerspruch zu meiner deutschen Herkunft.

Was sagen deine Kinder zu deiner Musik, interessiert sie das?
Also ich nötige sie schon manchmal dazu, aber das machen sie dann auch gerne und haben auch immer eine Meinung. Die sind glaube ich da sehr wohlwollend. Es ist ja auch irgendwie schwierig, seine eigene Mutter zu bewerten – es wäre für sie sicher leichter, wenn ich ihnen etwas von jemand ganz anderem vorspielen würde. Sie wollen natürlich auch, dass es gut ist. Denk ich mal. Deswegen fällt das Urteil nicht so schlecht aus. Es gibt manchmal so Einzelheiten innerhalb von Songs, wo sie sagen: „Das mag ich jetzt nicht so, wie du das und das aussprichst oder singst”, aber insgesamt zeig ich es ihnen auch immer gerne und reflektiere ihre Meinung. Ich nehme sie als musikalische Instanz ernst.

Wie sieht es sonst in Sachen Kritik bei dir aus? Holst du dir viel von Leuten ein oder sagst du da, wenn du selber davon überzeugt bist, dann machst du das auch genau so?
Beides. Wenn ich von einer Sache überzeugt bin und ich das Gefühl habe, ich muss das machen, dann tue ich das – nach wohlweislicher Überlegung auch entgegen der Meinung anderer. Mit Kritik kann ich glaube ich ganz gut umgehen, so lange sie konstruktiv ist. Kritik, die bösartig ist, mag ich nicht – die kommt auch nicht so an mich ran, da habe ich einen guten Selbstschutz entwickelt. Aber ich finde Kritik an sich natürlich gut, wer bin ich denn zu sagen alle müssen einer Meinung sein – das wäre ja fatal. Es ist die Natur der Sache, dass es Menschen gibt, die es cool finden, was ich mache und andere nicht. Aber damit muss man irgendwie leben.

Du kommst aus Berlin, hast aber auch zu Stuttgart eine besondere Verbindung. Was fasziniert dich in der jeweiligen Stadt und womit kannst du weniger anfangen?
Berlin ist in allererster Linie mein Zuhause. Da bin ich geboren, da bin ich aufgewachsen und diese Stadt hat mich einfach geprägt. Das ist eine Stadt, die sehr tolerant ist, es ist eine Stadt des ständigen Wandels, nie Stillstand, auch eine Stadt der Freiheit, eine Stadt der Pioniere. Es gibt ein unglaublich vielfältiges kulturelles Angebot, es ist aber auch manchmal die Stadt der Abstumpfung, die Stadt, in der man vergessen kann, was man zu tun hat. Vielleicht auf eine Art die unfokussierte Stadt, aber auch die Stadt der Müßiggänger.

Stuttgart ist für mich im Gegenzug die Stadt der Klarheit, des Fokus, des Fleißes. Ich habe das schon so empfunden, dass man da besonders gut arbeiten kann. Eine sehr gut vernetzte Stadt, die einen irgendwie nicht so vom Wesentlichen ablenkt. Das macht die Stuttgarter auch oft viel genauer in ihren Aussagen zum Beispiel, die Reflektion ist intensiver, man nimmt sich mehr Zeit, bevor man etwas sagt. Man überlegt sich vielleicht manchmal mehr. Aber es ist auch die Stadt der Engstirnigkeit und die Stadt der Defensive – das ist etwas, das ich nicht so mag.

Da prallen zwei Kulturen extrem aufeinander, denn der Berliner an sich ist sehr offensiv, aber eigentlich in der Hoffnung auf Dialog. Und der Stuttgarter ist glaube ich sehr defensiv, auch in der Hoffnung auf Dialog und ich denke das führt zu einem großen Missverständnis: Wenn eben der Berliner offensiv in eine Situation rein geht, geht der Stuttgarter zurück, weil das für ihn gerade viel zu viel Info ist. Eigentlich haben beide dasselbe Ziel, nur da clasht es irgendwie – also jetzt mal als ganz grobe Gegenüberstellung. Wie man aber an mir sieht, ist es ja nicht unmöglich, denn ich bin mit einem Stuttgarter verheiratet – also es geht schon! (lacht) Wenn man mal über seinen Tellerrand hinausschaut, ist es ganz wunderbar.

Was vermisst du am meisten, wenn du unterwegs bist – abgesehen natürlich von deiner Familie?
Mein Bett. Ich liege so gerne auf dem Bett. Und ich vermisse meine Freunde – wobei, wenn ich unterwegs bin und arbeiten muss, bin ich auch in so einem Modus. Ich bin sehr konzentriert und kann es auch zulassen, dass ich einfach abgeschnitten bin von meinem gewohnten Umfeld. Das ist dann einfach so ein Workflow.

Famous last words?
Jeder ist ein Teil von allem.

 

„Gleisdreieck“ erscheint am 03. März
Mehr von Joy auf joydenalane.com

© Eva Baales / Vertigo Berlin

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