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PLATTFORM #77:
„WILLKOMMEN IN DER NACHBARSCHAFT“
VON NINA DIAS DA SILVA

WILLKOMMEN IN DER NACHBARSCHAFT“ VON NINA DIAS DA SILVA - re.flect Stuttgart

Stuttgart hat einen neuen Stadtfeind Nummer 1: Gastronomien. An dieser Stelle würde ich gerne den Hashtag #aufschrei bringen, aber das geht leider nicht, und vor allem nicht nach 22 Uhr, weil dann beschwert sich wieder direkt jemand. Ich möchte mich in aller Form zurück beschweren.

Ich war vor kurzem als Gast in einem Lokal am Wilhelmsplatz. Der Wilhelmsplatz, nur falls es nicht jedem geläufig ist, ist linksseitig zwischen zwei Querstraßen eingefasst voll mit Restaurants und Bars. Auf die paar Meter kommen etwa fünf Lokalitäten zusammen. Das auch nicht erst seit Kurzem – das Bistro Einstein und das La Concha sind dort seit wirklich einigen Jahren angesiedelt. Ebenso werden die anderen Flächen vermutlich seit dem siebten Tag der Schöpfungsgeschichte mit Gastronomien gefüllt. Worauf will ich hinaus? Gastrospot Wilhelmsplatz ist nicht neu.

Kommen wir zurück zu dem Abend, es ist unter der Woche, einige Gäste sitzen noch auf der Terrasse. Es ist fünf Minuten nach 1 Uhr, da marschieren zwei uniformierte Polizisten in den Laden. Gerufen von den Nachbarn wegen Ruhestörung. Daraufhin werden wir gebeten, die Terrasse frei zu machen, Konzessionen und so, ist auch alles kein Problem. Und trotzdem habe ich eines damit.

Das erste möchte ich mathematisch angehen. Wenn insgesamt zehn Leute in kleineren Grüppchen zusammen sitzen und sich unterhalten, dann kann das nicht lauter sein, als der fette Audi, der an der Ampel bei rot wartet. Wer sich dabei in seiner Ruhe gestört fühlt, der hat von richtigem Lärm keine Ahnung. Ich bin leider nicht Will Hunting, aber sicher lässt sich das in einer schicken Gleichung darstellen. Die Lösung aber bliebe gleich: Ich habe recht.

Das nächste ist der Faktor Zeit und lässt sich am besten von hinten aufrollen: Wenn die Polizisten um 5 nach da waren, mussten sie davor erstmal zum Ort des Verbrechens fahren, Sachen zusammen packen und den Anruf entgegen nehmen. Möchte ich jetzt mal behaupten, der Anruf ist vor 1 Uhr raus gegangen. Lieber Anrufer, was war das? Prophylaxe? Ding Dong, die Preußen haben angerufen, sogar die finden dieses pedantische Verhalten lächerlich. Fun fact: Die preußischen Tugenden umfassen neben Ordnung und Pünktlichkeit nämlich auch Toleranz. Just saying.

Mag sein, dass ich nicht ganz objektiv an das Thema rangehe, schließlich bin ich selber auch in der Gastro verwurzelt. Es ist auch nicht das erste Mal, dass bei mir zu diesem Thema akuter Mitteilungsdrang besteht. Aber es wird einfach nicht besser, und je öfter man darüber schreibt und liest, desto eher ändert sich hoffentlich was.

Jetzt zum Abfotografieren: Eine Stadt lebt mit ihrer Gastronomie. Ob Café, Restaurant oder Bar: Wir brauchen das. Weil morgens die Milch alle geht, wir keine Lust auf Kochen haben, weil wir uns mal wieder was gönnen wollen oder weil wir uns mit anderen verabreden. Selbst bei einem Date kommt ein „Lass uns einfach was trinken gehen“ nie aus der Mode. Ich habe auch noch nicht rausgefunden, woher der Reiz kommt, andernorts Geld zu zahlen, um Lebensmittel zu konsumieren, die man sich auch Zuhause zubereiten kann. Aber er ist da. Und das kann auch niemand bestreiten.

Ich will auch gar nicht sagen, dass Lärm nachts geil ist. Krachmacher mag niemand, aber man muss auch in der Lage sein, unterscheiden zu können. Leute, die sich draußen aufhalten und in normaler Lautstärke miteinander reden: grüner Bereich. Leute, die gröhlend über die Straße laufen und möchten, dass ALLE mitbekommen, was sie sagen: nicht geil. Versteht jeder, was ich vermitteln möchte? Ein gesundes Maß an Toleranz, das wäre doch was. Dass man nicht um 00:54 Uhr zum Hörer greift, weil man genau weiß, dass die Konzession um 1 Uhr endet. Dass man vielleicht auch akzeptieren kann, dass manche Menschen nachts leben. Gar nicht, weil sie arbeitslose Assis sind. Sondern weil sie hart und lange arbeiten – beispielsweise als Köche oder selbstständig. Verhält sich ähnlich, wenn ich an einer stark befahrenen Straße wohne: finde ich auch nicht immer geil. Aber habe ich beim Einzug in Kauf genommen und lässt sich nicht ändern. Friss oder benutz Ohropax.

Diese Sache mit den Nachbarn, die war noch nie einfach. Den einen stört das Staubsaugen Sonntag mittags, der andere hat Probleme, ungesehen durchs Treppenhaus zu huschen und muss jedes Mal befürchten, in eine ausufernde Unterhaltung verstrickt zu werden, ein dritter hört seine Nachbarn durch die Wand atmen. Fernsehredaktionen haben sich dem Thema schon angenommen und vermutlich Peter Zwegats kleinen Bruder losgeschickt, den Krieg am Lattenzaun zu schlichten.

Aber wir haben sie nun mal. Und wir sind auch welche, das vergisst der ein oder andere ja ganz schnell. Wer sich entscheidet, in einer Stadt zu wohnen, der muss Nachbarschaft wohl oder übel in Kauf nehmen. Selbst im Dorf wohnen die Leute Zaun an Zaun. Wenn man also wirklich niemanden um sich herum haben möchte, dann muss man schon verdammt weit fahren. Wer es also nicht erträgt, der möge bitte genau das machen: verdammt weit fahren. Oder wie Simba schon sagte: „Lauf Scar, lauf weit weg. Und komm nie wieder.“ Dann muss ich auch solche Texte nicht mehr schreiben.

Foto: © Alex Dietrich

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