This is Art: Tina Glamor

Mit 16 vor der Clubtür abgewiesen: „Zu jung“, sagte der Türsteher. Timo Neumann ging heim, kramte eine Perücke aus dem Faschingsschrank und schlüpfte in die Klamotten seiner Schwester. Diesmal kam er rein, Drinks inklusive – und Tina Glamor war geboren. Aus der Notlösung ist mittlerweile eine zweite Haut geworden. Tina Glamor tourte jahrelang durchs Stuttgarter Nightlife, glitzerte auf CSD-Bühnen und sogar im Kino. Heute hat sich die Kunstfigur weitgehend zurückgezogen. Geblieben ist aber der Name, der längst für etwas anderes steht: handgefertigte Bühnenkostüme, in die Timo dieselbe Detailverliebtheit steckt wie früher in seine Auftritte. Tagsüber arbeitet er als Bauzeichner, abends verwandelt sich sein Zuhause in ein Nähstudio voller Pailletten, Strasssteine und, wie er selbst sagt, „glamourösem Chaos“. Im Interview erzählt Timo, wen er am liebsten einkleiden würde, woher seine Ideen auch schon mal nachts um zwei kommen und warum in jedem Kostüm ein Stück seiner eigenen Geschichte steckt.

Wann hast du deine Leidenschaft für Kostüme und Showkleidung entdeckt?
Die Begeisterung für Kostüme begleitet mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Ich komme aus einer Fasnachtsfamilie, daher war Verkleiden bei uns von klein auf völlig normal und ein fester Bestandteil vieler schöner Erinnerungen. Während andere Familien vielleicht Brettspiele gespielt haben, wurden bei uns regelmäßig Kostüme aus dem Schrank geholt.
Besonders gerne denke ich an Familienfeste zurück. Dort haben wir uns oft verkleidet und gemeinsam Mini-Playback-Shows veranstaltet. Schon damals hat es mich fasziniert, wie man mit einem Kostüm in eine andere Rolle schlüpfen und für einen Moment jemand ganz anderes sein kann.
Diese Freude am Verwandeln und Entertainen hat mich nie losgelassen. Später kamen dann die Inspirationen aus der Drag- und Travestiewelt dazu, wodurch aus der kindlichen Begeisterung nach und nach eine echte Leidenschaft wurde. Heute weiß ich: Ein Kostüm ist weit mehr als nur Stoff und Faden – seitdem hat mich das Fieber nicht mehr losgelassen. Und wenn ich ehrlich bin: Glitzer ist vermutlich schon ein Bestandteil meines Blutbildes.

This is art Tina Glamor
Welche Rolle spielt die Drag- und Travestieszene auf deinem Weg?
Eine sehr große Rolle. Ohne die Drag- und Travestieszene gäbe es Tina Glamor wahrscheinlich nicht in der Form, wie man sie heute kennt. Die Szene hat mir gezeigt, dass Kreativität keine Grenzen kennt und dass man sich immer wieder neu erfinden darf. Hier treffen Kunst, Humor, Schauspiel, Musik und Mode aufeinander. Außerdem habe ich dort unglaublich inspirierende Menschen kennengelernt, die mutig und oft herrlich verrückt sind. Die Szene ist für mich nicht nur Inspiration, sondern auch Familie. Wobei sich die Kunstfigur Tina Glamor von der Bühne eher zurückgezogen hat. Tina Glamor ist eher zum Namen für Bühnenkostüme geworden.

Wie entsteht bei dir eine neue Kreation?
Am Anfang steht meist eine Idee, die überall auftauchen kann – beim Einkaufen, im Theater, auf einer Reise oder manchmal sogar nachts um zwei Uhr, wenn andere schlafen. Dann sammle ich Farben, Stoffe, Bilder und Materialien. Anschließend wird skizziert, ausprobiert, verworfen und wieder neu gedacht. Oft entwickelt sich ein Kostüm während des Entstehungsprozesses weiter. Manche Ideen funktionieren sofort, andere führen dazu, dass ich stundenlang fluche, nur um am Ende festzustellen, dass die erste Idee doch die beste war. Der kreative Prozess ist manchmal Chaos – aber glamouröses Chaos.

Mit welchen Materialien arbeitest du besonders gerne und warum?
Natürlich liebe ich alles, was funkelt, schimmert oder auf der Bühne aus zehn Metern Entfernung noch sichtbar ist. Besonders gerne arbeite ich mit Paillettenstoffen, Satin, Samt, Strasssteinen und hochwertigen Stretchmaterialien. Diese Stoffe bewegen sich schön im Licht und unterstützen die Wirkung auf der Bühne enorm. Gleichzeitig mag ich es, ungewöhnliche Materialien einzubauen und ihnen ein zweites Leben zu geben. Kreativität beginnt oft dort, wo andere nur ein Stück Stoff sehen.

This is art Tina Glamor
Wie viel Zeit steckt durchschnittlich in einem deiner Einzelstücke?
Das ist ganz unterschiedlich und hängt immer vom jeweiligen Auftrag ab. Man darf dabei nicht vergessen: Das Ganze ist für mich ein Hobby. Tagsüber arbeite ich als Bauzeichner. Abends an der Nähmaschine abzutauchen, ist für mich der perfekte Ausgleich. Dort kann ich abschalten, kreativ sein und für ein paar Stunden in eine völlig andere Welt eintauchen.
Der Zeitaufwand variiert daher stark. Ein einfacheres Kostüm ist deutlich schneller umgesetzt als ein aufwendiges Einzelstück mit vielen besonderen Details. Wenn ich beispielsweise ein Kostüm komplett von Hand mit einzelnen Strasssteinen besticke, können unzählige Stunden und Wochen in die Detailarbeit fließen.
Besonders stolz bin ich darauf, dass ich mir all das selbst beigebracht habe. Ich habe keine Ausbildung als Schneider oder Modeschöpfer absolviert – alles, was ich heute kann, habe ich mir durch Ausprobieren, Lernen und ganz viel Leidenschaft angeeignet. Deshalb steckt in jedem Kostüm nicht nur Zeit und Arbeit, sondern auch ein Stück meiner persönlichen Entwicklung.
Viele Zuschauer sehen später drei Minuten Bühnenauftritt – hinter diesen drei Minuten stecken oft Wochen voller Planung, Nähen, Kleben, Verzieren und gelegentlich auch leichter Verzweiflung. Perfektion braucht eben ihre Zeit.

Gibt es Kunstschaffende, Epochen oder Stilrichtungen, die deine Arbeit beeinflussen?
Definitiv. Ich liebe den Glamour des alten Hollywoods, die Extravaganz des Barock und die große Showästhetik von Las Vegas. Gleichzeitig inspirieren mich Designer wie Thierry Mugler, Jean Paul Gaultier oder Bob Mackie, die bewiesen haben, dass Mode spektakulär und kunstvoll zugleich sein kann. Auch die klassischen Travestie-Revuen und die großen Diven der Entertainment-Welt beeinflussen meine Arbeit. Ich mag alles, was opulent, mutig und nicht zu übersehen ist – zurückhaltend können andere.

Für wen würdest du gerne einmal ein Kostüm entwerfen?
Da gibt es viele spannende Persönlichkeiten. Besonders reizen würde mich eine große internationale Showproduktion oder eine bekannte Entertainerin, die wirklich Mut zur Extravaganz hat. Aber ebenso spannend finde ich Menschen, die mit einem Kostüm zum ersten Mal auf eine Bühne gehen. Denn oft sind es genau diese Momente, in denen man sieht, wie Kleidung Selbstbewusstsein schenken kann. Und natürlich hätte ich nichts dagegen, wenn irgendwann eine meiner Kreationen über einen roten Teppich oder durch eine Fernsehshow schwebt.

Wie würdest du deine Arbeit in drei Worten beschreiben?
Glamourös. Detailverliebt. Unvergesslich. Oder, wenn Tina Glamor antwortet: Glitzer. Strass. Leidenschaft.
30.09.2026 — Mila Schmitz
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