Neben Musik und Schauspiel nutzt du auch deine Reichweite als Aktivistin. Wenn du dich selbst in wenigen Worten beschreiben müsstest: Welche wären das?
„In wenigen Worten würde ich sagen: Geschichtenerzählerin. Das verbindet die meisten Sachen.“
Dein aktuelles Album heißt „Roquestar“ – was ist ein „Roquestar“ für dich?
„Ich finde, ein ‚Roquestar‘ ist eine spannende Figur, um zu erzählen, wie kompliziert gesellschaftliche Erwartungen manchmal sind. Von außen wirkt es so: Die Leute feiern dich, du stehst auf der Bühne. Aber auf der anderen Seite fühlt man sich da manchmal auch ganz isoliert und alleine. Es fühlt sich an, als würden alle dir applaudieren und gleichzeitig manchmal auch, als wäre da vor allem eine krasse Erwartungshaltung und Druck. Und deswegen fand ich ‚Roquestar‘ ein sehr spannendes, schönes Wort, um diese gesellschaftliche Erwartungshaltung und den Druck, dem wir uns auch selbst aussetzen, in so einen Rahmen zu bringen.“
Im Pressetext wird David Bowie bzw. Ziggy Stardust als Referenz für dein Album genannt. War das wirklich eine Inspiration für „Roquestar“?
„Das war tatsächlich keine richtige Inspiration … oder vielleicht sag ich es mal so: Es ist komplizierter. (lacht) Es war nicht so, dass ich mir bei dem Album Bowie angeschaut habe und daran gedacht habe. Aber als das Album dann fertig war – vor allem die Alien-Geschichte – kam schon der Gedanke: Ah, okay, es erinnert mich voll an Ziggy Stardust. Ich glaube auch einfach, dass der kulturelle Einfluss, den Bowie hatte, so groß ist, dass selbst wenn ich es woanders wahrgenommen habe, das am Ende wieder auf diese Ziggy-Stardust-Erzählung zurückführt.“
Du hast 2021 dein eigenes Label gegründet. Wie kam es dazu?
„Die Mühlen in der Industrie malen langsam. Für mich ist es erst mal wirklich toll, dass ich selbst entscheiden kann, wie meine Musik verwendet wird – und dass ich das auch schnell tun kann. Ich mache viele Charity-Sachen und mir ist wichtig, dass meine Sachen dafür freigegeben werden können. Als Master-Ownerin hat man am Ende mehr Rechte. Ich bin sehr froh, dass ich meine eigene Musik verwalten kann und die Macht darüber habe.“
Bald geht die Tour los! Was ist das Schönste am Tourleben – etwas, das man als Fan vielleicht gar nicht so sieht?
„Was man als Fan nicht mitbekommt, ist, wie wichtig die Fans für einen sind. Das ist ja eine absolute Wechselwirkung. Dass man einen Song darüber schreibt und am Ende dasteht und gemeinsam den Song schreit – das macht es einfach tausendmal besser. Und natürlich liebe ich auch einfach die Menschen, mit denen ich unterwegs bin: mein Team!“

Hast du ein Ritual vor jedem Auftritt?
„Wir singen immer einen Song a cappella, jeder in seiner Stimme. Das Schöne und Witzige dabei ist, dass es einen einfach daran erinnert, Spaß an der Musik zu haben. Denn klar: Es ist auch einfach ein Job für uns.“
Du nutzt deine Reichweite (vor allem auf Social-Media) immer wieder konkret – gegen Hass, für eine offene Gesellschaft. Was würdest du Menschen raten, die sagen: „Ich will auch was verändern, aber ich habe keine große Reichweite“?
„Überlegen: Was ist ein Thema, das einem wichtig ist. Und was mit Freunden starten – das kann ein richtig tolles Bonding-Erlebnis sein. Man kann so viele kleine Sachen starten. Im besten Fall: eine NGO in der Gegend anrufen und fragen, wie man sie unterstützen kann. Spenden sortieren oder mal kurz bei einer Lebensmittelausgabe helfen. Und gerade jetzt im Winter: Gerne mal drauf gucken, wie man Menschen unterstützen kann.“
Du machst Musik und Schauspiel: In welchem Medium fühlst du dich freier – und was nimmst du aus der einen Disziplin für die andere mit?
„Beides ist sehr befruchtend. Ich habe mal einen Song für einen Charakter geschrieben – also nicht für mich als Alli – und dadurch gelernt: Ey, du kannst eh immer nur eine Seite zeigen. Und das war eine ganz tolle Erkenntnis, um ein bisschen den Songdruck rauszunehmen.“
Du spielst in „Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen“ mit. Was hat dich daran gereizt?
„Das war für mich ein großer Traum. Ich kann es immer noch nicht glauben. (lacht) Bibi Blocksberg war eine der ersten deutschen Sachen, die ich als Kind kennengelernt habe und ich war ein richtig großer Fan! Bei uns zu Hause hat meine Mutter immer viel so Hexen-Sachen gemacht, denn diese Tradition ist ja in Polen sehr verbreitet. Für mich war es also das Allerkrasseste, dort mitzuspielen und immer noch ein Kindheitstraum.“
Welche Rolle würdest du gerne einmal übernehmen?
„Ein Traum ist natürlich, eigene Sachen zu spielen, die man selbst kreiert hat. Ansonsten: Eine Trickbetrügerin würde ich gerne mal spielen. Oder sowas wie Harley Quinn, in denen ein bisschen komplexere Frauencharaktere dargestellt werden.“
Du warst alleine unterwegs und hast gesagt, du hast viel über dich gelernt. Was war die wichtigste Erkenntnis?
„Dass ich mich in den letzten Jahren sehr stark über meine Arbeit definiert habe. Das war im Urlaub dann nicht mehr da. Jetzt baue ich noch so ein bisschen an der neuen Fassung und muss gucken, was es so gibt außer der Arbeit.“
Du spielst bald mit dem Filmorchester Babelsberg – mit dem Fagott! Wie kam das zustande?
„Das ist für mich auch ein Traum. Ich wollte früher Fagottistin werden und wurde leider für das Studium abgelehnt. Jetzt durfte ich sogar in der Elbphilharmonie spielen – und dann ist das irgendwann mit dem Filmorchester Babelsberg passiert. Da freue ich mich natürlich sehr darauf.“
Zum Schluss: Hast du eine Verbindung zu Stuttgart oder eine Anekdote, die du mit der Stadt verbindest?
„Das heißeste Festival Deutschlands: das Kessel Festival. Da gab es wirklich einen Moment, den ich nicht vergessen werde. Nach meinem Auftritt habe ich ein kleines Mädchen getroffen, das mir schon in der Menge aufgefallen war. Sie hat mir erzählt, dass sie auch polnische Wurzeln hat, hat mich ganz fest umarmt und mir dann ein Geschenk gemacht: ein selbstgemachtes Armband, auf dem ‚I love Poland‘ stand. Das hat noch mal richtig meine Perspektive geändert. Denn am Ende des Jahres, als ich mich echt ein bisschen ausgeburnt habe, habe ich mich in Stuttgart daran erinnert, warum ich das alles überhaupt mache.“
