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Interview

Interview Wortwechsel

Wortwechsel: Nils Runge x Theresa Kern x Benjamin Kieninger

Wortwechsel

Statt klassischem Interview lassen wir die Protagonisten bei unserem Wortwechsel selbst die Fragen stellen.

Die Clubkultur hat schwere Monate hinter sich – von monatelanger Schließung bis zu schlagartiger Öffnung und kaum umsetzbaren Regelungen mussten Clubbetreiber:innen und Protagonist:innen des Nachtlebens einiges mitmachen. In unserem Wortwechsel haben sich der Stuttgarter Nachtmanager Nils, Theresa vom Club Kollektiv und Benny von Fridas Pier ausgetauscht, wie sie die letzten Wochen empfunden haben und wo sich auch Chancen für die Zukunft von Stuttgarts Nachtleben eröffnet haben.

Nils: Mich würde interessieren, wie ihr die letzten Wochen erlebt habt und warum es manchmal vielleicht nicht ganz so einfach war.

Benny: Für uns von der Frida waren es wilde Zeiten! Aber jetzt, nach der erfolgreichen Eröffnung, gehe ich wieder sehr, sehr positiv in die nächsten Tage und Wochen und freue mich mega, dass wir nach so vielen Diskussionen öffnen können. Mit der Masken-Geschichte, also das war ja schon abgefahren … Ich war auch persönlich sehr überrascht, dass wir letzte Woche den Club ohne Maske aufmachen durften. Das hätte ich tatsächlich nicht so kommen sehen. Vor allem nicht in Baden-Württemberg, das eigentlich immer ganz hinten war bei den Corona-Lockerungen mit Bayern.

Nils: Wir haben so viel mit dem Gesundheitsamt, dem Ordnungsamt und dann auch wieder mit dem DEHOGA gesprochen – da sind im Hintergrund so viele Dinge passiert, weil innerhalb von sechs bis acht Wochen dieses Konzept vorbereitet wurde. Wie kriegen wir die Clubs geöffnet? Es gab dann kleine Rückschläge aufgrund einer vielleicht fehlerhaften Medienberichterstattung – so würde ich es nennen.

Benny: Das Karlsruhe-Thema?

Nils: Genau, der Club in Karlsruhe. Wir waren in Verhandlungen und dann kam die Berichterstattung, dass in Karlsruhe ein Club geöffnet hatte und es sehr viel Corona-Fälle dort gab. Aber der Fehler war eben, dass es eigentlich kein Club war, sondern eine Location, die mit einer Bar-Konzession geöffnet hatte. Und daraufhin wurden die gesamten Gespräche auch wieder zurückgerollt und wir mussten noch mal neu anfangen. Anschließend ging es, wie Benny gerade richtigerweise gesagt hat, plötzlich Schlag auf Schlag: Freitags kam die Vorankündigung, dass die Maskenpflicht eventuell kommt. Montag dann das offizielle „Go“. Aber als ich zum Beispiel mit dem Gesundheitsamt gesprochen habe, wussten die vom Sozialministerium noch überhaupt gar nichts. Dann war gar nicht klar: Wo liegen jetzt die Verantwortungen? Ist das Gesundheitsamt vor Ort verantwortlich? Ist das Sozialministerium verantwortlich? Für die Maskenbefreiung musste erst mal geklärt werden: Wer hat denn überhaupt eine Konzession, um sie beantragen zu können? Die Befreiung kann man ja nur beantragen, wenn man einen Club oder eine Diskothek hat.

Resi: Wir haben jetzt mal eine Branche rausgesucht, in der wir diese Maskenpflicht irgendwie versuchen wegzukriegen. Und natürlich ist dann der Plan zu sagen: Hey, dann können auch andere nachkommen. Das ist ja auch eine Frage der Fairness. Die Lobby ist gerade für die Clubkultur groß und das ist wichtig, damit sie von der Politik auch gehört wird.

Nils: Und ich glaube, das ist was Wichtiges. Vor allem dank dir, Resi, als erste Vorsitzende der IG Club Kultur, haben wir es auch geschafft, in der Vergangenheit Themen auf Landesebene zu setzen. Wir haben in unserem Koalitionsvertrag dreimal „Clubs“ stehen, das erste Mal in der Geschichte von Baden-Württemberg. Das ist ein schönes Zeichen. Was mich interessieren würde: Was glaubt ihr denn, hätte transparenter oder kommunikativ besser funktionieren müssen? So dass es vielleicht für euch noch einfacher gewesen wäre, zu öffnen?

Benny: Ich glaube einfach die Vorlaufzeiten. Nicht dieses: Heute sage ich, dass es morgen losgeht. So ist es schwer planbar. Wir haben uns auch überlegt, wie wir die Bookings machen, wie wir das veröffentlichen und haben dann schnell gemerkt: Die Leute kaufen sich gerade keine Tickets im Voraus von vier Wochen. Und dieses auf Sicht fahren ist das, was einen so zermürbt. Klar ist das schwierig, aber es war teilweise schon sehr diffus – das hätte man vielleicht besser vorbereiten können.

Resi: Aber ich glaube, das war generell ein Problem. Ich habe sehr viele Jahre in einer Kulturbühne gearbeitet und letzten Oktober hatten wir genau das: Man muss super schnell reagieren und innerhalb einer Woche wieder ein neues Hygienekonzept umsetzen. Wie machen wir das mit den Sitzplätzen? Und wie achtet man darauf, dass alles eingehalten wird?

Benny: Auch die Ämter waren mit der Situation überfordert. Regeln sind schön auf dem Papier, aber die muss man dann auch kontrollieren und durchsetzen, das ist lange nicht wirklich passiert. Da muss der dafür Zuständige los und dann eben auch mal die Maßnahmen durchsetzen.

Nils: Ich glaube, dass teilweise intern gar nicht so gewusst wurde, was gerade der aktuelle Stand ist. Die Regeln kommen vom Bund aufs Land, vom Land auf die Stadt. Und da ist dann Interpretationsspielraum.

Resi: Es ist nicht nur alles immer verboten, sondern man hat schon die Möglichkeit, wenn man in den Dialog tritt. Das ist auch für die Betreiber:innen ganz wichtig zu wissen. Haben wir jetzt in der Verordnung ja auch gesehen, dass es möglich ist.

Nils: Aber das ist, finde ich, zum Beispiel das Spannende gerade an meiner Position, genau diese Schnittstelle zwischen Politik, Verwaltung und der Szene. Zu vermitteln – was gar nicht so einfach ist, weil es komplett unterschiedliche Bedürfnisse sind und teilweise auch Missverständnisse herrschen. Die Clubs, die sind nicht nur Müll und Lärm, sondern die machen wirklich Kultur. Und auf der anderen Seite die Clubbetreiber:innen, die vielleicht auch sehen: Ja, und die Verwaltung ist nicht immer nur alt, verstaubt und gegen uns, sondern die haben auch innovative Ansätze oder haben Lust, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Das ist ja überregional auch Stadtmarketing: Wenn man alternative Clubs mit einem spannenden Programm hat, dann reist man auch dafür. Und wenn wir das schaffen, in Stuttgart wieder mehr aufrechtzuerhalten und daran arbeiten, ist allen geholfen.

Resi: Und genau deswegen ist es auch so wichtig, verschiedenen Akteure:innen in der Politik das zu zeigen. Die wissen oft gar nicht, was Clubkultur eigentlich ist und wo die Unterschiede liegen – deswegen haben wir die Leute auch immer mal wieder mitgenommen.

Wortwechsel

Benny: Um diese Vielfalt auch kennenzulernen. Die letzten Wochen, Monate oder Jahre haben doch gezeigt, dass das wichtig war, dass man sich in kleinen Kollektiven engagiert. Corona hat jetzt keinen Spaß gemacht, aber wenn man genau hinguckt, dann gibt es schon auch ein paar gute Sachen, die sich dadurch schneller entwickelt haben.

Nils: Wir haben glaube ich vor allem durch Corona gemerkt, wenn sich unterschiedliche Clubs zusammentun, kann man sehr viel erreichen – das Club Kollektiv hat unglaublich viel erreicht. Die Stelle, in der ich heute hier bin, ist auch dem Club Kollektiv zu verdanken. Und jetzt haben wir auf einer höheren Ebene noch mal gesehen: Okay, wenn sich das Club Kollektiv mit der Eventkultur Rhein-Neckar zur IG Clubkultur zusammenschließt, die IG Clubkultur mit der DEHOGA und dem DTV in Diskussionen geht, dann kann man gemeinsam, weil man einfach auch eine starke Stimme hat und viele Betriebe vertritt, sehr viel erreichen.

Benny: Naja, ich denke und hoffe, dass wir aus dem Gröbsten raus sind. Es ist einfach schön, wieder geöffnet zu haben – alle lächeln, alle freuen sich. Da kriegst du wirklich auch ein bisschen Gänsehaut, weil es sich wieder anfühlt wie ein bisschen Normalität.

Nils: Mich würde jetzt auch interessieren, Benny, hattet ihr am vergangenen Wochenende das Gefühl, dass andere Leute bei euch im Club waren? Gerade 18-Jährige, die davor überhaupt gar nicht die Möglichkeit hatten?

Benny: Am Freitag hatten wir eine Veranstaltung, da hatten wir ein sehr junges Publikum. Zu denen meinte ich dann auch: Darf ich mal euren Ausweis sehen? Die waren das erste Mal im Club.

Resi: Wie geil das für die gewesen sein muss! Die kennen dieses Feiern im kontrollierten Rahmen ja meist gar nicht.

Nils: Da sieht man, wie viel Emotionen beim Feiern und im Nachtleben im Spiel sind, weil Leute irgendwie einen Ausgleich finden und wie sehr sie darauf gewartet haben. Auch für die Künstler:innen ist das brutal wichtig.

Benny: Hoffen wir einfach, dass alles im Rahmen bleibt und wir keinen Rückzieher mehr machen müssen. Das wäre schon Big Drama, weil wir planen jetzt endlich mal langfristig. Also, krass ist auch, wie sich die Schere bei den Bookings aufgetan hat. Die Kleinen kriegen jetzt noch weniger als früher und die Großen noch mehr. Die weltweite Nachfrage ist natürlich extrem angezogen.

Nils: Aber wie macht ihr das dann jetzt? Arbeitet ihr viel mit Locals und bucht nur noch einen großen Headliner?

Benny: Wir bauen jetzt unsere Residents auf, auch größere Namen. Wir machen mal ganz locker mit den Bookings, wir wollen da nicht gleich von Null auf Hundert gehen. Wir wollen auch keine Leute einfliegen aus der Weltgeschichte, das ist nicht die richtige Zeit dafür.

Nils: Glaubt ihr, dass das langfristig eine Tendenz bleiben wird und man sich zweimal überlegt, ob man den DJ aus Amerika einfliegen lassen muss?

Benny: Hoffe ich, ganz klar. Regionalität ist für uns sowieso ein wichtiges Thema.

Resi: Der gute Nebeneffekt wäre ja auch, dass man hier die regionalen Künstler unterstützt, weil wir haben richtig gute Leute hier. Also wenn man in Stuttgart ganz gut auflegen kann und hier spielt, würde sich das ökologisch und sozial Nachhaltige ja irgendwie ergänzen. Das wäre eine richtig gute Situation.

Nils: Genau deswegen hat mich jetzt interessiert, wie die Tendenz nach Corona ist – wie man es eben schaffen kann, die lokale Szene einfach stärker aufzubauen mit Hilfe von Headlinern. Auch das Thema Diversität spielt hier eine große Rolle. Für mich ist einer der wichtigen Punkte, die wir nach Corona hoffentlich beibehalten, dass wir einfach sagen: Okay, natürlich gibt es zwischen manchen Clubs einen Konkurrenzkampf und es wird auch nicht überall Überschneidungspunkte geben. Aber es gibt viele Themen, die wir gemeinsam angehen können. Wir können politisch viel, viel mehr erreichen, weil wir eine viel größere Stimme und dadurch auch eine größere Lobby haben.

Wortwechsel

Vielen Dank für die spannenden Einblicke!

Interview

Interview mit Patrick Münz von STELP: „Man weiß, dass das, was man macht, richtig ist“

STELP

STELP e.V. ist eine zivile Hilfsorganisation aus Stuttgart, in der sich Ehrenamtliche, Partner:innen und Sponsor:innen gemeinsam engagieren. Das Team unterstützt weltweit mit verschiedenen Hilfsprojekten da, wo dringend Hilfe benötigt wird. STELP hat uns dieses Interview zur Verfügung gestellt, der Autor ist Jakob Andratsch.
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Interview Kultur News

Interview:
Wozu braucht man eine:n Nachtmanager:in?

Nachtmanager:in

In der letzten Zeit war kaum ein anderes Thema für Stuttgarter:innen auf Social Media so präsent, wie die Wahl der Nachtmanager:in. Diese sollen als Vermittler zwischen den Interessen der Beteiligten, aus Gastronomie, Nachbarschaft, Stadtverwaltung und Kultur fungieren und sowie Vielfalt als auch Qualität der Clubs und Spielstätten steigern. Denn wie die Pressestelle der Stadt sagt: „Livemusik-Clubs und –Spielstätten sind Teil unserer kulturellen Identität geworden.“ Seit kurzer Zeit erst stehen die Finalteilnehmer des öffentlichen Votings, sowie der Jury fest. Deshalb haben wir die Gunst der Stunde genutzt, um mit Hannah Japes, Vorstandsvorsitzende des Clubkollektiv e.V., die als Interessengemeinschaft die Schaffung der Stelle gefordert hat und Manuel Albani, Projektleiter des Popbüros, das die Stellen der Nachtmanager:innen ausgeschrieben hat, zu sprechen.

Welche drei Eigenschaften sind für den:die zukünftige Nachtmanager:in von besonderer Wichtigkeit?

Hannah: Für mich sind besonders Empathie, Neutralität und eine gute Selbstorganisation wichtig. Empathie, da der:die Nachtmanager:in als Mediator:in zwischen den Akteur:innen der Nachtökonomie arbeiten wird, dabei ist ein menschlicher, offener und verständnisvoller Blick auf alle Beteiligten wichtig. Neutralität, da an die Stelle die unterschiedlichsten Anforderungen von Akteur:innen, die mit der Nachtökonomie im Zusammenhang stehen, gestellt werden. Diese gilt es neutral und unvoreingenommen zu berücksichtigen, neben den Interessen der aktiv Beteiligten, muss er:sie auch Ansprechpartner:in für alle indirekt Betroffenen sein. Da die Stelle neu entsteht, halte ich zudem gute Selbstorganisation für essentiell. Der:Die gewählte Nachtmanager:in muss strukturiert und eigenverantwortlich arbeiten um effektive, nachhaltige Workflows und Kommunikationswege zu schaffen.

Manuel: Der oder die zukünftige Nachtmanager:in sollte kompetent und empathisch auf die verschiedenen Thematiken der Nachtkultur, Nachtökonomie und Nachtsicherheit eingehen und unter verschiedenen Akteur:innen und Institutionen vermitteln. Sie oder er muss neutral aber gleichzeitig szeneaffin sein und das nötige Fachwissen mitbringen.
 
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Was zeichnet Stuttgarts Nachtleben im Vergleich zu anderen Städten aus bzw. was sind die Besonderheiten und wie soll der:die Nachtmanager:in dazu beitragen?

Hannah: Zum einen hat Stuttgart viel renommierte Hochkultur zu bieten und zum anderen habe ich oft den Eindruck Stuttgart hängt in ihrem Selbstbild noch stark an der 0711 Ära fest. Aktuell sehe ich hier aber eine Lücke zwischen Selbstbild und Realität vor allem für jüngere Zielgruppen. Ich glaube, dass die Energie Angebote zu schaffen noch vorhanden ist und mittlerweile diverser geworden ist. Es gibt aber viele kleine Hürden, die der Realisierung von Formaten und Orten im Weg stehen. Hier soll der:die Nachtmanager:in ansetzen. Umso mehr freut es uns, dass wir als Club Kollektiv e.V. den Anstoß zur Schaffung dieser Stellen geben konnten: Stuttgart ist mit dem besonderen Modell aus einer Nachtmanager:in und einer dazugehörigen Verwaltungsstelle Vorreiter, ich habe die große Hoffnung, dass dieses Konstrukt das Nachtleben auf Dauer bereichern kann.

Manuel: Das kulturelle Nachtleben in Stuttgart ist facettenreich und gleichzeitig familiär. Wenn man sich auf eine bestimmte Szene konzentriert, trifft man immer wieder dieselben Menschen. Die Vielfalt des Stuttgarter Nachtlebens wird einem oft erst bewusst, wenn man sich aktiv auf die Suche macht und genauer hinsieht. Hinter den glatten Betonfassaden, in Waggons oder Containern verstecken sich oft kleine Überraschungen. Außerdem besonders für Stuttgart ist, dass sich der Großteil des Nachtlebens komprimiert in einem geographisch sehr kleinen Bereich abspielt.
 
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Welche persönliche Verbindung haben Sie zu Stuttgart als Kulturstandort?

Hannah: Ich bin mit kleinen Unterbrechungen seit 10 Jahren glückliche Wahlstuttgarterin und seit ich hier lebe im kulturellen Sektor unterwegs. In dieser Zeit sind mir die Szene und die unzähligen Einzelpersonen sehr ans Herz gewachsen. Mich persönlich hat vor allem der Wegfall vieler kleiner Bühnen sehr getroffen. Beruflich bin ich Teil des Im Wizemann Teams” und mit unseren drei Bühnen können wir einen kleinen Teil zu einem breiten Angebot beitragen – aber das reicht natürlich nicht. Deswegen engagiere ich mich seit letztem Jahr im Club Kollektiv um in einer sehr hochkulturell-lastigen Stadt wie Stuttgart für die Anerkennung und Sichtbarkeit aller Arten von Kultur zu kämpfen.

Manuel: Ich kenne die Stuttgarter (Nacht-)Kulturlandschaft aus verschiedenen Perspektiven. Aus der Sicht des Pop-Büros Region Stuttgart, einer Einrichtung die Popkultur in all ihren Facetten fördert, aus der Sicht als Veranstalter und Booker bei ritual digital” und contain’t”, als DJ und natürlich auch als Besucher. Dadurch habe ich die Möglichkeit im kulturellen Leben der Stadt mitzuwirken, was ich sehr schätze.
 
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Welche Initiativen und Projekte aus anderen Städten (vielleicht auch über Deutschland hinaus) könnten für Stuttgart als Inspiration dienen?

Hannah: Ich glaube jede Stadt hat ihre Eigenheiten und so hoffe ich auch, dass Stuttgart ihren eigenen Weg findet. Ich fände es wünschenswert, die Nachtökonomie in einem größeren Kontext zu sehen, und ihr Potential zur Schaffung einer lebenswerten Stadt ernst zu nehmen. Den Blick nach Barcelona finde ich sehr spannend, hier sind durch autofreie Blocks mehr Flächen für ein florierendes (Nacht-)Leben entstanden. Auch in Stuttgart habe ich die zusätzlichen, wegen Corona genehmigten Gastroaußenflächen, auf Parkplätzen als Bereicherung empfunden. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Wir sollten jedoch nicht nur auf Metropolen schauen, denn vor allem in kleinen Städten setzen vielfältige Initiativen immer wieder große Veränderungsimpulse. Ein schönes Beispiel ist hier die Gießener Initiative raumstation 3539 zur Schaffung einer lebenswerten Stadt u.a. durch gutes Zwischenraummanagement. Dies finde ich thematisch auch für Stuttgart sehr spannend.

Manuel: Was in Stuttgart definitiv fehlt, ist eine kulturelle Plattform, ein Club oder soziokulturelles Zentrum wie zum Beispiel der Südpol in Hamburg, das IFZ in Leipzig oder das About Blank in Berlin. Mit großen In- und Outdoorflächen für Clubveranstaltungen, Konzerte, Vorträge, Proberäumen und Platz für gesellschaftspolitischen Diskurs.

Was soll sich am kulturellen Angebot in den nächsten Jahren auch durch den:die Nachtmanager:in verändern?

Hannah: Der:die Nachtmanager:in bzw. das Konstrukt „Koordinierungsstelle Nachtleben“ soll Katalysator dafür sein, dass die Rahmenbedingungen sich so verändern, dass ein vielfältigeres Angebot möglich ist und der Zugang auch für neue und kleine Veranstaltende erleichtert wird. Dadurch hoffe ich, wird das Nachtleben breiter, vielfältiger, bunter und inklusiver. Und eine belebte Stadt mit florierendem, diversem Nachtleben, bietet automatisch auch mehr Sicherheit für Alle.

Manuel: Ich hoffe, dass die oder der zukünftige Nachtmanager:in auf die vielen Akteur:innen der Nachtkultur, Nachtökonomie und Nachtsicherheit zugeht. Besonders in der aktuellen Situation brauchen Viele Unterstützung. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Raum für Neues erschlossen wird. Wir brauchen wieder vermehrt Zwischennutzungen und eine Stärkung der Off-Szene, die unter der knappen Raumsituation leidet. Eine weitere Möglichkeit für neue Räume wäre, das Nachtleben nicht nur auf die Stadtmitte zu begrenzen, natürlich immer mit Rücksicht auf Anwohner:innen.
 
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Ihnen steht ein unendliches Budget zur Verfügung – wofür würden Sie es im Zusammenhang mit dem Posten einsetzen?

Hannah: Als Erstes würde ich die Koordinierungsstelle Nachtleben entfristen. Danach würde ich das Team noch um ein paar Mitarbeiter:innen ergänzen und die Projektmittel hochschrauben. Bei der Verwirklichung von konkreten Inhalten vertraue ich dann absolut auf die Stuttgarter Kulturschaffenden und auf die Person, die wir alle gemeinsam auswählen werden (-;

Manuel: Eine große Immobilie in zentraler Lage kaufen und ein Zentrum für Pop- und Clubkultur eröffnen.

Allgemein Interview Wortwechsel

Wortwechsel:
Weview X Vision Ekstase

Wortwechsel

Wie kann es mit Clubs weitergehen, welche Unterstützung wünschen sich lokale Künstler und was macht dieses diffuse Feld elektronische Musik eigentlich aus? In unserem Wortwechsel haben wir uns im Eventraum urban43 mit Florian Blessing und Dominik Krammer von Weview sowie Jan Range und David Löhlein von Vision Ekstase getroffen und sie beim Gespräch über die aktuelle Lage belauscht…

David: Was macht ihr eigentlich genau?

Florian: Weview ist ein kleines House- und Technolabel, das sich versucht ein bisschen auf die Urgenres zu fokussieren. Es hat alles mit dem Auflegen und Partys im Kollektiv begonnen und nach zwei Jahren haben wir beschlossen, unsere eigene Plattform für uns und andere Künstler zu gründen.

David: Vinyl oder digital?

Florian: Bis jetzt nur digital. Vinyl ist auch in der Planung.

Dominik: Unsere Idee war, eine Compilation mit befreundeten Artists zu starten, ein bisschen spezieller mit echt unterschiedlicher Musik. Wir vertreten extrem unterschiedliche Genres: Luca spielt eigentlich nur House, dann gibt es Melodic Techno und auch viel Indie Dance oder auch einfach mal brutal harten Techno.

Florian: Ich denke, wir hören da auf, wo eure Musik dann anfängt.(lacht)

Wortwechsel

David: Wie lange gibt‘s euch schon?

Dominik: 2016 war das Kollektiv, seit 2018 das Label.

Florian: Und ihr, seit wann gibt‘s euch?

Jan: Ende 2018 haben wir das Kollektiv gegründet, das durch den Lehmann-Umbau zustande kam, an dem wir alle irgendwie beteiligt waren. Wir haben dort eine monatliche Veranstaltung bekommen, die wir „Vision Ekstase“ genannt haben und verfolgen darüber hinaus auch ein sehr stark visuelles Konzept, das wir in Trailern und Fotos zur Party umsetzen.

David: Die Musik ist unser Anker, aber wir haben eben auch Fotografen und Künstler dabei.

Jan: Und im September kam Davids erste Platte raus.

Florian: Ihr habt direkt Vinyl gemacht, oder?

Jan: Genau, dann hatten wir noch ein weiteres Release von mir und eine Remix-EP – und dann kam eben Corona!

Dominik: Das klingt aber schon ein bisschen professioneller als bei uns, macht ihr das auch beruflich?

David: Gerade jetzt durch Corona konzentrieren wir uns noch einmal mehr aufs Marketing, weil ich eben auch aus diesem Bereich komme.

Jan: Es fühlt sich auf jedem Fall nach einem Beruf an!

Florian: Man merkt aber auch, dass ihr dieses einheitliche Konzept gut hinbekommt, was zum Beispiel bei uns so nie das Ziel war.

Dominik: Wie würdet ihr die Genres oder das Spektrum bei euch einordnen?

Jan: Nach Geschwindigkeit, würde ich sagen!

Wortwechsel

David: Das Genre ist Techno, weiter kann man es glaube ich gar nicht spezialisieren.

Jan: Da lassen wir uns auch unseren Spielraum und inspirieren uns gegenseitig damit.

Dominik: Wieviele Leute seid ihr gerade?

Jan: Neun sind wir aktuell, der inner circle.

David: Wir haben einen großen Freundeskreis und eine Crowd, ohne die wir nichts wären. Deshalb möchten wir da auch etwas zurückgeben, sammeln bei unseren Veranstaltungen Spenden und machen auf Themen aufmerksam. Dieser soziale Aspekt ist uns auch wichtig.

Florian: Wir sind gerade fünf, aktiv sogar nur vier und selbst da ist die Entscheidungsfindungen schwierig. Findet ihr da alle einen Konsens?

David: Man muss natürlich eine gewisse Regelmäßigkeit schaffen und dann Sachen auch einfach mal ausdiskutieren. Es kann manchmal dauern, es kann manchmal anstrengend sein, aber am Ende hat man dann eine diverse und hoffentlich auch richtige Entscheidungen.

Florian: Durch unterschiedliche Meinungen und Blickwinkel wird ja letztendlich auch ein viel besseres Konzept geschaffen. Auch wenn es mehr Kraft kostet, es lohnt sich auf jeden Fall. Wie sieht es bei euch jetzt gerade aus?

David: Wir hätten Sitzveranstaltungen oder Open-airs unter gewissen Maßnahmen machen können, haben uns aber dagegen entschieden. Der Spirit von Vision Ekstase basiert auf Ekstase, Freizügigkeit und Schweiß auf Schweiß – das funktioniert so nicht. Das, was zum Beispiel jetzt das Kowalski macht, würde auch im Lehmann nicht gehen.

Jan: Ich könnte mir das auch nicht vorstellen, bei so einem Gebretter dann gemütlich dazusitzen. (lacht)

David: Ich finde es aber ganz spannend, dass man jetzt gerade merkt, dass Techno eben auch einfach Livemusik ist. Diese Musik passiert nicht zuhause. Natürlich hört man sich mal ein Set an, aber am Ende ist es Musik, die aus großen Lautsprechern unter die Leute gehört.

Wortwechsel

Jan: Ich finde, man fühlt sich so ein bisschen alleingelassen in dieser Situation und hat oft den Eindruck, an anderen Baustellen wird viel mehr gedreht. Kürzlich bin ich nach Berlin geflogen und saß total zusammengepfercht in diesem Flugzeug drin, was dann aber trotzdem irgendwie geht und wo Lösungen gefunden werden. Es muss ja nicht der Status von davor sein, aber wenigstens ein Lichtblick wäre schön.

Florian: Ich würde auch sagen, dass der Staat noch einmal mehr Förderungen bereitstellen sollte, gerade für die Clubs direkt und die nicht nur als normale „Selbstständige“ sehen. Sonst gibt es keine Clubs mehr, wenn das Ganze vorbei ist. Ich würde mir wünschen, dass Techno und House auch in Stuttgart als Kulturgut eingestuft und nicht beiseite geschoben werden.

David: Das Problem ist aber auch, dass diese Situation uns noch relativ lange beschäftigen wird. Als das Ganze losging hat man gehofft, es dauert ein halbes Jahr und ist dann vorbei. Mittlerweile gehe ich davon aus, dass es uns auf jeden Fall noch bis 2022 auf die eine oder andere Weise beeinflussen wird. Deshalb bin ich der Meinung, dass wir um innovative Sicherheitskonzepte im Club nicht herumkommen werden. Da haben wir uns ja im Lehmann auch etwas überlegt, wie man eine Clubsituation in Coronazeiten schaffen kann und vielleicht sogar schaffen muss, weil die Leute am Ende des Tages sowieso feiern gehen. Diese Partys gibt es, teilweise mit mehreren hundert Leuten auf engstem Raum und es wird einfach nicht kontrolliert, was da passiert.

Florian: Ja, das schadet unserer Kultur noch mehr! David: Ich will da auch gar kein politisches Fass aufmachen, aber ich denke einfach, dass es eine schlaue Entscheidung wäre, wenn man sagt: Wir wissen, es gibt Partys und wir wissen, wie wir das Ganze kontrollieren und nachverfolgen. Warum nehmen wir nicht schon bestehende Konzepte her, die bereits ausformuliert und mit viel Bedacht mit anderen Parteien und Gesundheitsämtern besprochen wurden? Meiner Meinung nach gibt es in der Politik einfach zu wenige Menschen, Parteien oder Gruppierungen, die sich trauen, diese Lösung als Erstes umzusetzen. Es ist zu wenig Interesse und zu wenig Wertschätzung da, sonst würde man dieses Risiko ja auch eingehen.

Florian: Dadurch, dass keine Aussagen getroffen werden, verschlimmert sich die Situation gefühlt für beide Seiten. Deswegen unterstütze ich das genannte Konzept, gerade mit dem Gedanken dahinter, dass es eben dann kein Clubhopping gibt. Wahrscheinlich zelebriert man das dann auch ein bisschen anders. Dominik: Da wäre es glaube ich auch sinnvoll, zum Beispiel stark die Nutzung der Warn-App zu empfehlen. Dann schaut man in den nächsten Tagen drauf, sieht man hat kein Risiko und denkt sich: nice! Diese Gewissheit schafft auch ein ganz anderes Bewusstsein.

Wortwechsel

David: Ja, aber ich glaube, das ist auch einfach so ein bisschen ein Problem von Baden-Württemberg und Stuttgart speziell. Wenn man in andere Bundesländer und Städte schaut, ist da einfach mehr Interesse da und es wird unserer Szene mehr zugehört. Stuttgart hat mit die höchste Clubdichte in ganz Deutschland und dann frage ich mich schon: Wenn Clubs hier ein Teil des Lebens sind, warum hört die Politik da nicht zu? Es gibt keine Freiflächen, Genehmigungen sind schwierig … Das finde ich schade.

Florian: Man möchte für Fachkräfte attraktiv sein und einen Ort haben, der junge Leute anzieht und ignoriert trotzdem diese Thematik. Wenn man sich allein überlegt, was Orte wie das Rocker 33 für eine Strahlkraft hatten! Sowas könnte auch weiterhin passieren, wenn man das auch fördert.

Jan: So ein Club ist ja nicht nur Veranstaltungsort, sondern bündelt auch kreative Energien. Das Bewusstsein über die Events hinaus fehlt vielen. Dominik: Deshalb ist es so wichtig, die Räume und damit die Rahmenbedingungen für so etwas weiter zu erhalten.

David: Wir kennen ja jetzt schon endlos viel Menschen, die nach Berlin gehen und euch geht es wahrscheinlich ähnlich. Junge Leute braucht man in jeder gesunden Stadt. Dominik: Ich habe das kürzlich bei unserem Videodreh gemerkt. Wir haben nur mit so zwanzig Leuten gedreht, ich habe aufgelegt und dann in diesem Moment gemerkt: Alle haben Bock!

Florian: Es hat sich so richtig angefühlt, diese laute Musik. Ich hab’ richtig Gänsehaut bekommen, obwohl wir immer wieder nur das gleiche Lied gespielt haben. Ich glaube, das fehlt extrem. Ich freu mich so ultra – und ich hoffe, dass wir nicht zu alt werden bis dahin – wenn endlich wieder alles weitergeht. Elektronische Musik und die Leute drumherum sind so ein großer Teil in unserem Leben …

Dominik: Ich habe mich kürzlich sogar über einen Katertag gefreut, weil man einfach mal wieder merkt, es ist etwas passiert.

David: Es ist schon ein Teil unseres Lebens, der quasi vom Virus geklaut wurde. Gerade diese Müdigkeit ist ein Punkt mehr, warum die Politik zeitnah zumindest mal ein Streichholz anzünden muss. Es ist wichtig, den Leuten eine Perspektive aufzuzeigen. Sozusagen ein Kaffee gegen die Coronamüdigkeit!

Interview Wortwechsel

WORTWECHSEL:
Lehmann X Kowalski X Rosenau

Wortwechsel Kowalski Lehmann Rosenau

Statt klassischem Interview lassen wir die Protagonisten bei unserem Wortwechsel selbst die Fragen stellen. Gastronomie und vor allem Nachtclubs und Kultureinrichtungen hat es in den vergangenen Monaten schwer getroffen. Ein Teil davon darf zwar mittlerweile unter Auflagen wieder öffnen, doch von Normalbetrieb kann keine Rede sein. Mit dieser ungewissen Zukunft steht für viele Betriebe nicht weniger als die eigene Existenz auf dem Spiel. In unserem Wortwechsel haben sich Theresa von der Rosenau, Basti vom Club Lehmann und Sascha vom Kowalski darüber ausgetauscht, wie sie diese Zeit empfinden und wo sie Perspektiven sehen. Weiterlesen

Interview

7 FRAGEN – 8 ANTWORTEN
HORST „MICKEY“ KRICK

HORST „MICKEY“ KRICK: BLOODY COLORS TATTOO, BLOODY COLORS GALLERY

Seit wann lebst du in Stuttgart?

„Seit ca. 28 Jahren. Ich bin mit 12 hier gelandet, habe mich in die Stadt und die Menschen verliebt und bin geblieben.“

 

Samstag 20 Uhr – wo trifft man dich?

„Mindestens einmal im Monat bei einer Vernissage, einer Ausstellung oder in der Bloody Colors Gallery, die ich ab und an auch kuratiere.“

 

Welcher Ort in Stuttgart wird deiner Meinung nach unterschätzt?

„3. Ich glaube, ganz Stuttgart wird unterschätzt. Zum einen wird es von außerhalb gerne mal als etwas provinzielle Schwabenmetropole belächelt. Zum anderen unterschätzt die Stadt sich oft auch selbst und neigt manchmal dazu, diesem Klischee gerecht werden zu wollen. Doch es hat sich auch schon oft bewiesen, dass man hier zu Großem fähig ist, wenn nur die richtigen kreativen Köpfe mit Mut am selben Strang ziehen.“

 

Stuttgart in einem Filmtitel / Song?

„1ste Liebe“

 

Wovon braucht Stuttgart mehr?

„5. Mehr Mut, bezahlbare Mieten und Orte, an denen sich (Sub-)Kultur frei entfalten kann.”

 

Wovon weniger?

„6. Weniger Angst, Oberflächlichkeit und Missgunst.“

 

Wie würde dein Stadtwappen aussehen?

 

. „Schönheit ohne Substanz lebt nur an der Oberfläche und wird zu schnell langweilig.“