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„Wir waren so hungrig!“
Wanda-Sänger Marco im Interview

Wanda reflect Interview

Nach dem Durchbruch mit „Amore“ vor fünf Jahren und mehreren Nummer-Eins-Hits in den österreichischen Charts wird es keineswegs ruhiger um Wanda. Lediglich, wenn es ums Feiern und um die Häuser ziehen geht, schalten die Jungs aus Wien mittlerweile einen Gang zurück.

Mit ihrem neuen Album „Ciao, Baby“ haben die fünf Musiker bereits einen weiteren Treffer gelandet und machen im Rahmen der dazugehörigen Tour am 11. Juli beim Mercedes-Benz-Konzert-Sommer Halt. Erfahrungsgemäß dürfte sich im Gepäck der Band neben dem neuen Album sicherlich auch jede Menge Amore befinden. Wir haben uns vorab mit Marco übers Ausgehen, Erfolg und die Zukunft unterhalten und präsentieren Einblicke in einen philosophischen Kopf.

Jana: Geht ihr viel zusammen aus, wenn ihr auf Tour seid?

Marco: Mittlerweile nicht mehr so viel wie früher. Die ersten Jahre sind wir echt teilweise mit unserer Gage in die nächste Kneipe, aber mittlerweile stehen die Musik und das Konzert im Mittelpunkt. Nach so einem Konzert ist man oft auch mal einfach leer oder stolz, traurig, aufgeregt und müde und hat auf einmal sämtliche Zustände gleichzeitig, sodass man einfach keine Kraft mehr hat, um die Häuser zu ziehen.

Es sind dann eher die stillen Momente, die interessant sind. Wenn man auf der Bühne alles gegeben hat, auch von sich selbst und Stücke seiner Seele, dann muss irgendwann Schluss sein, damit sich diese Quelle über Nacht wieder aufladen kann. Es geht ja weiter …

J: Über „Amore“ hast du gesagt, es sei die „größte Low-Budget-Friedenskampagne in der ganzen Musikgeschichte“ – produziert mit 900 Euro. Was hat sich seither geändert?

M: Natürlich gibt es seit „Amore“ viel mehr Geld für Aufnahmen. Ich bin immer noch total beeindruckt – 900 Euro! Die erste Auflage waren 500 Stück, damals mit einem ganz kleinen Wiener Label namens „Problembär Records“ – und ich erinnere mich noch, wie wir da mit denen gesessen haben und alle der Meinung waren: „500 Stück? Das ist zu wenig!“, obwohl das in Wien 2014 mit einer kleinen Plattenfirma schon oberer Indie-Liga war, würde ich mal sagen. Alle waren total erstaunt, dass wir darauf bestanden haben, dass das zu wenig ist. Aber wir hatten Recht: Das Ding kam raus und dann waren die 500 Stück mehr oder weniger innerhalb von Minuten weg. Schon in der Vorbestellung. Seitdem hat sich das Album Doppel-Platin-Status erarbeitet.

J: Verrückt, oder? Wie fühlt es sich an, wenn man so eine Einschätzung hat und sagt „Nee, das ist zu wenig“ und dann – zack – sind die 500 Dinger vergriffen. Das muss doch ein unheimlich krasses Gefühl sein!

M: Wir waren so hungrig! Und wir haben so sehr an das alles geglaubt. Klar, wenn man dann Erfolg hat, kann man sich zumindest sicher sein, dass man nicht ganz wahnsinnig war mit diesen Einschätzungen. Ich denke jeder Musiker glaubt an sich, aber wir haben nicht nur an uns geglaubt, wir waren regelrecht besessen und überzeugt von uns. Wir haben wirklich gewusst, dass da was vor sich geht und haben das auch im Publikum gespürt. Die Konzerte bevor die Platte rauskam – da passierte einfach etwas. Da kamen ja nicht nur Freunde, die einem einen Gefallen tun, sondern da waren hunderte Menschen, die die Texte kannten bevor es die Platte überhaupt gab.

J: Die Leute haben also von Anfang an auf euch reagiert …

M: Ja, wir wurden wirklich rührend unterstützt. Ich bin den Menschen, die am Anfang dabei waren sehr dankbar. Viele von ihnen habe ich leider nicht mehr wiedergesehen, da sich das Leben dann ja völlig verändert hat. Aber ohne die Begeisterung der Freunde und der ersten Fans wäre das wohl alles nicht so passiert. Das war echt etwas ganz Besonderes.

J: Wie wird man damit fertig, wenn auf einmal alles anders wird? Wenn sich das Leben um 180 Grad wendet?

M: Es ging alles sehr schnell und der anfänglichen Euphorie ist die eine oder andere Angst gefolgt, auch Druck, das Level irgendwie halten zu müssen. Mit „Amore“ hat der Zug schon so eine Geschwindigkeit aufgenommen, das konnte man fast nicht toppen, aber wir haben es dann zum Glück irgendwie geschafft. „Bussi“ war dann vier Wochen auf Platz Eins in Österreich und hat sich selbst einen eigenen Rekord erarbeitet und mit „Niente“ hat es dann noch einmal funktioniert. Da waren dann Single und Album gleichzeitig auf Platz eins, was in Österreich seit 16 Jahren nicht mehr passiert ist. Aber der Druck, das Level halten zu müssen, war ziemlich heftig in diesen Jahren, teilweise auch zu viel. Grundsätzlich bin ich aber dankbar für das, was ich erleben darf. Es hat mich als Mensch wachsen lassen und hat mir einen Einblick in die Gesellschaft, aber auch in mich selbst ermöglicht, den ich sonst wahrscheinlich nicht bekommen hätte. Ich bin mir sicher, ich wäre ohne die Musik auf der Straße gelandet. Ich kann gar sonst nichts und bin sehr demütig, dass ich das alles erleben und machen darf. Ich wäre auf keinen Fall in einem anderen Leben glücklich geworden!

J: Wanda und dein musikalischer Erfolg waren also deine Rettung?

M: Das war in jeder Hinsicht meine Rettung, ja.

J: Wie gehst du an ans Texte Schreiben heran?

M: Das ist sehr schwer. Ich schreibe sehr viele Lieder für ein Album, so in etwa 150 Entwürfe. Dann sortiere ich gnadenlos aus, bringe fast alle meine Lieder wieder um und konzentriere mich wirklich nur auf das Material, das meinen Anforderungen gerecht wird.

J: Entscheidet ihr dann als Gruppe, welcher Song es aufs Album schafft oder machst du das schon vorab?

M: Ich bringe der Band grundsätzlich keine schlechten Lieder. Ich bringe nur die, die fix auf das Album kommen. Was ein gutes Lied ausmacht, ist, dass es an der Oberfläche einfach und klar verständlich ist und unter der Oberfläche Andeutungen und Wahrheiten verbirgt. Wenn jemand zu mir sagt „ach, das ist aber simpel“, dann freu ich mich immer, denn es ist mit das Schwierigste, was es gibt: etwas zu machen, das einfach klingt.

J: Sodass es für die große Masse zugänglich ist, man aber auch etwas zwischen den Zeilen lesen kann …

M: Es gibt schon so eine Art moralischen Kompass in meiner Arbeit, eine gewisse Ethik und die ist mir sehr wichtig. Ich bearbeite ja ständig ein Thema: Das Leben wirft einen nieder und man muss wieder aufstehen und weitermachen und dabei möglichst niemandem wehtun, auch nicht sich selbst. Das würde ich sagen, ist so die Ethik in den Liedern.

J: Brauchst du eher Ruhe zum Schreiben oder setzt du dich auch mal in ein Café oder eine Bar und das passiert so nebenher?

M: Puh, irgendwie arbeite ich ja ständig. Wenn mir irgendwas einfällt, dann schreibe ich das schon auf, auch wenn ich nicht Zuhause bin, aber an sich ist es wichtig, beim Schreiben Ruhe zu haben, da das ja auch irgendwie ein heiliger und ritueller Prozess ist. Man kann nicht immer arbeiten, aber es gibt Tage da kommt eine Idee nach der anderen und da ist es schon gut, wenn man dann seine Ruhe hat.

J: Ihr habt im September ein neues Album herausgebracht – seid ihr jetzt erst einmal fertig oder arbeitet ihr schon an einem nächsten Projekt?

M: Mal abwarten. Gedanklich sind wir eh erstmal bei der Tour, die sehr aufregend wird. Wir bespielen dieses Mal sehr, sehr große Hallen, teilweise größere Hallen, als wir sie jemals bespielt haben und wir freuen uns auf alle Konzert. Insbesondere natürlich auf zwei Konzerte in Wien in der Stadthalle. Das fühlt sich unglaublich an, zwei Mal in der eigenen Stadt so eine große Halle auszuverkaufen, das wird heftig.

J: Heimspiel mit Tränen wahrscheinlich. Eure Musik hat in Wien ja wohl auch Hymnen-Charakter erreicht.

M: Ja, stimmt. Das ist schon immer sehr rührend.

J: Auf was freust du dich besonders, wenn du daran denkst, bald wieder auf Tour zu fahren?

M: Ich kenne mich im Leben erst Schritt für Schritt aus. Ich bin erst am Herausfinden, wie man das mit dem Leben eigentlich macht und auf Tour freu ich mich darauf, dass ich mich eigentlich wesentlich besser auskenne. Ich weiß auf Tour ganz genau, was ich mache, was ich sein soll und was ich tun muss. Darauf freue ich mich!

J: Und was ist das?

M: Menschen mit meiner Musik in Ekstase versetzen.

J: Gibt es irgendwas, das du vor Tourbeginn im Februar unbedingt noch erledigen musst?

M: Ja, ich hab einen Wasserschaden in der Wand und den würde ich noch gerne in den Griff bekommen, bevor ich wegfahre.

J: Was vermisst du von Zuhause, wenn du unterwegs bist?

M: Eigentlich nichts wirklich, ich bin sehr anpassungsfähig. Klar fehlen mir die lieben Menschen von daheim, aber man sieht sich ja nicht ewig nicht. Die Zeiten, in denen wir Monate lang unterwegs sind, sind vorbei und ich freue mich, beides erleben zu dürfen: das normale Leben und das auf Tour.

J: Kannst du von skurrilen Tour-Erlebnissen berichten?

M: Ein Mal hatten wir auf Tour einen Journalisten aus Österreich dabei, der uns ein paar Tage begleitet hat, als das ganze Ding gerade so am Explodieren war. Bei einem Konzert in München war der Weg vom Auftrittsort zum Tourbus voller Menschen und ich war ein wenig, naja, satt nach dem Konzert. Ich wollte nicht unbedingt Kontakt zu vielen Menschen haben, weil wir schon wochenlang auf Tour waren. Also hab ich mit dem Journalisten Kleidung getauscht – seine Brille, seine Kappe, seine Turnschuhe und eine weite Hose – und bin zum Bus gelaufen. Keiner hat mich erkannt, im Gegenteil – manche haben mich angerempelt und auch Bier über mich geschüttet. Beim Tourbus angekommen, wollte ich rein, wurde aber von meinem Manager aufgehalten, der sagte: „Sie, das tut mir sehr Leid, aber Sie können hier nicht rein, leider.” Als ich dann die Kappe und die Brille abgenommen habe, hat er sich so erschreckt, dass er fast wie ein Mädchen gekreischt hat. Das war schon sehr lustig.

J: Wie kann man sich die gemeinsame Arbeit an eurer letzten Platte vorstellen?

M: Musik machen ist so etwas Intuitives, dass ich darüber eigentlich gar keine Worte verlieren möchte. Es passiert einfach, man kann nicht wirklich darüber reden – sonst würde ich mir vorkommen wie ein Ingenieur oder ein Architekt.

J: Es gibt ja immer Herangehensweisen wenn man als Gruppe etwas schaffen will. Das ist ja doch recht unterschiedlich: Setzt man sich zusammen und hat den Text und jamt dann darauf los oder …

M: Oh nein, das hassen wir. Wir nehmen das alles schon sehr ernst. Die Songs sind schon sehr geschliffen und fertig, wenn ich sie ins Studio bringe. Da passiert das meiste vorher. Und dann muss es schnell gehen – Intuition! Man darf dann nicht mehr viel denken. Je besser der Liedermacher der Gruppe – und im Idealfall hat jede Band einen Liedermacher – an den Songs gearbeitet hat, desto schneller kann’s dann gehen.

J: Passiert es manchmal, dass du einen Song mitbringst und die Gruppe spielt ihn – und du bist total unzufrieden und denkst dir „was ist das denn“?

M: Nein, das ist noch nie passiert. Man kann sich ja nicht auf die Suche nach einem fantastischen Replikat machen. Denn genau so, wie man sich in der Fantasie irgendwas vorstellt, wird es in der Realität niemals sein. Das zu akzeptieren ist Teil des Erwachsenwerdens. Es gibt auch kein Lied, das für mich selbst so geschrieben ist, wie ich es am aller aller liebsten gemacht hätte. Andererseits hält einen das auch dabei, weil man immer das eine „große Lied“ jagt.

J: Das heißt, du bist ein unverbesserlicher Perfektionist …

M: So ein bisschen strampel ich dagegen, aber vielleicht bin ich das. Ich kann mich aber auch über diese Musik freuen und stolz sein! Für mich ist es immer noch ein Wunder. Dass ich überhaupt Musik aufnehmen kann ist ein Geschenk, weil es aus Kostengründen früher unerreichbar war. Seit ich frei an Musik arbeiten darf, sind meine innersten Wünsche befriedigt. Das muss nicht immer Nummer eins sein, nicht immer im Stadion spielen, es ist einfach schön, das erleben zu dürfen.

J: Du bist also gut genährt von deinem Erfolg …

M: Absolut. Und der wird auch verloren gehen, so wie alles. Darauf bin ich eingestellt, sowas hält ja nicht ewig.

J: Was ist dein Plan für danach?

M: Daran denk ich nicht, ich hab bis jetzt immer ganz gute Entscheidungen im Leben getroffen und werde das sicher auch weiter so machen. Hoffentlich.


© Wolfgang Seehofer

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