Warum sind in Geschichtsbüchern und Museen meist dieselben Personen sichtbar: Könige, Feldherren oder Wissenschaftler? Und was passiert mit den Geschichten, die nie gesammelt, dokumentiert oder erzählt wurden? Die Intervention „Mehr als eine Realität“ im Landesmuseum Württemberg macht ab dem 23. Juli genau diese blinden Flecken zum Thema. Sie setzt mitten in der Dauerausstellung „LegendäreMeisterWerke“ an und ergänzt historische Erzählungen um Perspektiven, die bislang kaum sichtbar waren. Das Kooperationsprojekt des Landesmuseums mit Künstler:innen der freien Szene sowie der queeren Community Stuttgart eröffnet zwischen historischen Objekten, Vitrinen und vertrauten Erzählungen neue Blickwinkel.
Ein konkreter Fokus liegt auf den Leerstellen der Landesgeschichte. Immer wieder zeigt sich, dass kulturelle Erinnerung stark von heteronormativen und machtzentrierten Perspektiven geprägt ist. Könige, Wissenschaftler oder Militärfiguren dominieren die Erzählungen, während queere Lebensrealitäten kaum auftauchen. Besonders deutlich wird das am Beispiel von Charles Woodcock, der über Jahre enger Vertrauter und Geliebter von König Karl von Württemberg war. Seine Geschichte verweist darauf, wie Beziehungen, Identitäten und Lebensrealitäten historisch überformt oder gar nicht erst archiviert wurden. Die Frage steht im Raum, welche weiteren Biografien im Schatten der offiziellen Erzählungen liegen.
Hinter dem Projekt stehen unter anderem die Künstler:innen Ida Liliom und Alisha Soraya. Sie beschreiben Museen nicht als neutrale Orte, sondern als aktive Erzähler:innen von Geschichte, die bestimmen, was sichtbar wird und was verschwindet. Hier setzen ihre künstlerischen Eingriffe an, die zwischen Recherche, Humor und Irritation arbeiten und bewusst mit Brüchen in der historischen Erzählung spielen. Führungen, Workshops, Musik und weitere Formate begleiten „Mehr als eine Realität“ und eröffnen Räume für Austausch und queere Perspektiven. Zeit für ein paar neue Stories in bekannten Geschichten!
Bild © J. Leliveldt, M. Damian
