featured Interview Wortwechsel

Wortwechsel: Nils Runge x Theresa Kern x Benjamin Kieninger

Wortwechsel

Statt klassischem Interview lassen wir die Protagonisten bei unserem Wortwechsel selbst die Fragen stellen.

Die Clubkultur hat schwere Monate hinter sich – von monatelanger Schließung bis zu schlagartiger Öffnung und kaum umsetzbaren Regelungen mussten Clubbetreiber:innen und Protagonist:innen des Nachtlebens einiges mitmachen. In unserem Wortwechsel haben sich der Stuttgarter Nachtmanager Nils, Theresa vom Club Kollektiv und Benny von Fridas Pier ausgetauscht, wie sie die letzten Wochen empfunden haben und wo sich auch Chancen für die Zukunft von Stuttgarts Nachtleben eröffnet haben.

Nils: Mich würde interessieren, wie ihr die letzten Wochen erlebt habt und warum es manchmal vielleicht nicht ganz so einfach war.

Benny: Für uns von der Frida waren es wilde Zeiten! Aber jetzt, nach der erfolgreichen Eröffnung, gehe ich wieder sehr, sehr positiv in die nächsten Tage und Wochen und freue mich mega, dass wir nach so vielen Diskussionen öffnen können. Mit der Masken-Geschichte, also das war ja schon abgefahren … Ich war auch persönlich sehr überrascht, dass wir letzte Woche den Club ohne Maske aufmachen durften. Das hätte ich tatsächlich nicht so kommen sehen. Vor allem nicht in Baden-Württemberg, das eigentlich immer ganz hinten war bei den Corona-Lockerungen mit Bayern.

Nils: Wir haben so viel mit dem Gesundheitsamt, dem Ordnungsamt und dann auch wieder mit dem DEHOGA gesprochen – da sind im Hintergrund so viele Dinge passiert, weil innerhalb von sechs bis acht Wochen dieses Konzept vorbereitet wurde. Wie kriegen wir die Clubs geöffnet? Es gab dann kleine Rückschläge aufgrund einer vielleicht fehlerhaften Medienberichterstattung – so würde ich es nennen.

Benny: Das Karlsruhe-Thema?

Nils: Genau, der Club in Karlsruhe. Wir waren in Verhandlungen und dann kam die Berichterstattung, dass in Karlsruhe ein Club geöffnet hatte und es sehr viel Corona-Fälle dort gab. Aber der Fehler war eben, dass es eigentlich kein Club war, sondern eine Location, die mit einer Bar-Konzession geöffnet hatte. Und daraufhin wurden die gesamten Gespräche auch wieder zurückgerollt und wir mussten noch mal neu anfangen. Anschließend ging es, wie Benny gerade richtigerweise gesagt hat, plötzlich Schlag auf Schlag: Freitags kam die Vorankündigung, dass die Maskenpflicht eventuell kommt. Montag dann das offizielle „Go“. Aber als ich zum Beispiel mit dem Gesundheitsamt gesprochen habe, wussten die vom Sozialministerium noch überhaupt gar nichts. Dann war gar nicht klar: Wo liegen jetzt die Verantwortungen? Ist das Gesundheitsamt vor Ort verantwortlich? Ist das Sozialministerium verantwortlich? Für die Maskenbefreiung musste erst mal geklärt werden: Wer hat denn überhaupt eine Konzession, um sie beantragen zu können? Die Befreiung kann man ja nur beantragen, wenn man einen Club oder eine Diskothek hat.

Resi: Wir haben jetzt mal eine Branche rausgesucht, in der wir diese Maskenpflicht irgendwie versuchen wegzukriegen. Und natürlich ist dann der Plan zu sagen: Hey, dann können auch andere nachkommen. Das ist ja auch eine Frage der Fairness. Die Lobby ist gerade für die Clubkultur groß und das ist wichtig, damit sie von der Politik auch gehört wird.

Nils: Und ich glaube, das ist was Wichtiges. Vor allem dank dir, Resi, als erste Vorsitzende der IG Club Kultur, haben wir es auch geschafft, in der Vergangenheit Themen auf Landesebene zu setzen. Wir haben in unserem Koalitionsvertrag dreimal „Clubs“ stehen, das erste Mal in der Geschichte von Baden-Württemberg. Das ist ein schönes Zeichen. Was mich interessieren würde: Was glaubt ihr denn, hätte transparenter oder kommunikativ besser funktionieren müssen? So dass es vielleicht für euch noch einfacher gewesen wäre, zu öffnen?

Benny: Ich glaube einfach die Vorlaufzeiten. Nicht dieses: Heute sage ich, dass es morgen losgeht. So ist es schwer planbar. Wir haben uns auch überlegt, wie wir die Bookings machen, wie wir das veröffentlichen und haben dann schnell gemerkt: Die Leute kaufen sich gerade keine Tickets im Voraus von vier Wochen. Und dieses auf Sicht fahren ist das, was einen so zermürbt. Klar ist das schwierig, aber es war teilweise schon sehr diffus – das hätte man vielleicht besser vorbereiten können.

Resi: Aber ich glaube, das war generell ein Problem. Ich habe sehr viele Jahre in einer Kulturbühne gearbeitet und letzten Oktober hatten wir genau das: Man muss super schnell reagieren und innerhalb einer Woche wieder ein neues Hygienekonzept umsetzen. Wie machen wir das mit den Sitzplätzen? Und wie achtet man darauf, dass alles eingehalten wird?

Benny: Auch die Ämter waren mit der Situation überfordert. Regeln sind schön auf dem Papier, aber die muss man dann auch kontrollieren und durchsetzen, das ist lange nicht wirklich passiert. Da muss der dafür Zuständige los und dann eben auch mal die Maßnahmen durchsetzen.

Nils: Ich glaube, dass teilweise intern gar nicht so gewusst wurde, was gerade der aktuelle Stand ist. Die Regeln kommen vom Bund aufs Land, vom Land auf die Stadt. Und da ist dann Interpretationsspielraum.

Resi: Es ist nicht nur alles immer verboten, sondern man hat schon die Möglichkeit, wenn man in den Dialog tritt. Das ist auch für die Betreiber:innen ganz wichtig zu wissen. Haben wir jetzt in der Verordnung ja auch gesehen, dass es möglich ist.

Nils: Aber das ist, finde ich, zum Beispiel das Spannende gerade an meiner Position, genau diese Schnittstelle zwischen Politik, Verwaltung und der Szene. Zu vermitteln – was gar nicht so einfach ist, weil es komplett unterschiedliche Bedürfnisse sind und teilweise auch Missverständnisse herrschen. Die Clubs, die sind nicht nur Müll und Lärm, sondern die machen wirklich Kultur. Und auf der anderen Seite die Clubbetreiber:innen, die vielleicht auch sehen: Ja, und die Verwaltung ist nicht immer nur alt, verstaubt und gegen uns, sondern die haben auch innovative Ansätze oder haben Lust, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Das ist ja überregional auch Stadtmarketing: Wenn man alternative Clubs mit einem spannenden Programm hat, dann reist man auch dafür. Und wenn wir das schaffen, in Stuttgart wieder mehr aufrechtzuerhalten und daran arbeiten, ist allen geholfen.

Resi: Und genau deswegen ist es auch so wichtig, verschiedenen Akteure:innen in der Politik das zu zeigen. Die wissen oft gar nicht, was Clubkultur eigentlich ist und wo die Unterschiede liegen – deswegen haben wir die Leute auch immer mal wieder mitgenommen.

Wortwechsel

Benny: Um diese Vielfalt auch kennenzulernen. Die letzten Wochen, Monate oder Jahre haben doch gezeigt, dass das wichtig war, dass man sich in kleinen Kollektiven engagiert. Corona hat jetzt keinen Spaß gemacht, aber wenn man genau hinguckt, dann gibt es schon auch ein paar gute Sachen, die sich dadurch schneller entwickelt haben.

Nils: Wir haben glaube ich vor allem durch Corona gemerkt, wenn sich unterschiedliche Clubs zusammentun, kann man sehr viel erreichen – das Club Kollektiv hat unglaublich viel erreicht. Die Stelle, in der ich heute hier bin, ist auch dem Club Kollektiv zu verdanken. Und jetzt haben wir auf einer höheren Ebene noch mal gesehen: Okay, wenn sich das Club Kollektiv mit der Eventkultur Rhein-Neckar zur IG Clubkultur zusammenschließt, die IG Clubkultur mit der DEHOGA und dem DTV in Diskussionen geht, dann kann man gemeinsam, weil man einfach auch eine starke Stimme hat und viele Betriebe vertritt, sehr viel erreichen.

Benny: Naja, ich denke und hoffe, dass wir aus dem Gröbsten raus sind. Es ist einfach schön, wieder geöffnet zu haben – alle lächeln, alle freuen sich. Da kriegst du wirklich auch ein bisschen Gänsehaut, weil es sich wieder anfühlt wie ein bisschen Normalität.

Nils: Mich würde jetzt auch interessieren, Benny, hattet ihr am vergangenen Wochenende das Gefühl, dass andere Leute bei euch im Club waren? Gerade 18-Jährige, die davor überhaupt gar nicht die Möglichkeit hatten?

Benny: Am Freitag hatten wir eine Veranstaltung, da hatten wir ein sehr junges Publikum. Zu denen meinte ich dann auch: Darf ich mal euren Ausweis sehen? Die waren das erste Mal im Club.

Resi: Wie geil das für die gewesen sein muss! Die kennen dieses Feiern im kontrollierten Rahmen ja meist gar nicht.

Nils: Da sieht man, wie viel Emotionen beim Feiern und im Nachtleben im Spiel sind, weil Leute irgendwie einen Ausgleich finden und wie sehr sie darauf gewartet haben. Auch für die Künstler:innen ist das brutal wichtig.

Benny: Hoffen wir einfach, dass alles im Rahmen bleibt und wir keinen Rückzieher mehr machen müssen. Das wäre schon Big Drama, weil wir planen jetzt endlich mal langfristig. Also, krass ist auch, wie sich die Schere bei den Bookings aufgetan hat. Die Kleinen kriegen jetzt noch weniger als früher und die Großen noch mehr. Die weltweite Nachfrage ist natürlich extrem angezogen.

Nils: Aber wie macht ihr das dann jetzt? Arbeitet ihr viel mit Locals und bucht nur noch einen großen Headliner?

Benny: Wir bauen jetzt unsere Residents auf, auch größere Namen. Wir machen mal ganz locker mit den Bookings, wir wollen da nicht gleich von Null auf Hundert gehen. Wir wollen auch keine Leute einfliegen aus der Weltgeschichte, das ist nicht die richtige Zeit dafür.

Nils: Glaubt ihr, dass das langfristig eine Tendenz bleiben wird und man sich zweimal überlegt, ob man den DJ aus Amerika einfliegen lassen muss?

Benny: Hoffe ich, ganz klar. Regionalität ist für uns sowieso ein wichtiges Thema.

Resi: Der gute Nebeneffekt wäre ja auch, dass man hier die regionalen Künstler unterstützt, weil wir haben richtig gute Leute hier. Also wenn man in Stuttgart ganz gut auflegen kann und hier spielt, würde sich das ökologisch und sozial Nachhaltige ja irgendwie ergänzen. Das wäre eine richtig gute Situation.

Nils: Genau deswegen hat mich jetzt interessiert, wie die Tendenz nach Corona ist – wie man es eben schaffen kann, die lokale Szene einfach stärker aufzubauen mit Hilfe von Headlinern. Auch das Thema Diversität spielt hier eine große Rolle. Für mich ist einer der wichtigen Punkte, die wir nach Corona hoffentlich beibehalten, dass wir einfach sagen: Okay, natürlich gibt es zwischen manchen Clubs einen Konkurrenzkampf und es wird auch nicht überall Überschneidungspunkte geben. Aber es gibt viele Themen, die wir gemeinsam angehen können. Wir können politisch viel, viel mehr erreichen, weil wir eine viel größere Stimme und dadurch auch eine größere Lobby haben.

Wortwechsel

Vielen Dank für die spannenden Einblicke!

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