Statements

Stuttgart in der Schwebe:
Statements Betroffener aus der Gastro- und Kulturszene

Stuttgart Corona Gastro Kultur reflect

Konzerte, Partys und Events wurden abgesagt, die Verkäufer in den Lebensmittelgeschäften tragen Handschuhe und unsere Gesellschaft wird auf eine ernstzunehmende Probe gestellt. COVID-19 hat auch die Stadt Stuttgart fest in der Hand und sorgt für grundlegende Veränderungen in der Gastronomie- und Kulturbranche. Wir haben mit Betroffenen über Existenzängste, Hilfeleistungen und Arten, mit der Situation umzugehen, gesprochen:

 

Maximilian Kraft, Foodsharing Café Raupe Immersatt

Als die Meldung kam, dass Clubs und Bars aufgrund des hohen Ansteckungsrisikos bei Menschenansammlungen schließen müssen, haben wir uns als Café Gedanken gemacht und recht schnell entschlossen, nicht auf die städtischen Aussagen zu bauen, sondern das zu machen, was wir für vernünftig halten – also verkleinern, eindämmen und Tische rausstellen, damit die Leute Abstand voneinander halten können. Kurz darauf haben wir den Gastraum komplett geschlossen und die Raupe in einen Kiosk umgewandelt.

Leider war bei dem herrlichen Wetter der Platz vor dem Café weiterhin sehr gut besucht. Nachdem wir erst nur die restlichen Sitzgelegenheiten entfernt haben, haben wir uns nun entschlossen aus Verantwortung und Respekt gegenüber unseren Mitmenschen, vor allem gegenüber den schwächeren und dem Krankenhauspersonal, ganz zu schließen und hoffen, auch andere dazu anzuregen, ihre Läden zu zulassen.

Jetzt überlegen wir natürlich, was wir alternativ machen können. Das große Fenster könnte zum Beispiel in den kommenden Wochen als schwarzes Brett fungieren, auf dem man mit Kreidestiften Gesuche etc. markieren kann, einfach um die Nachbarschaft zu vernetzen und die Viertel-Kommunikation anzuregen. Außerdem wäre ein Food-Sharing-Lieferservice denkbar. Ich habe mit vielen Leuten Kontakt, die wirklich krasse Existenzängste haben. Finanziell kommen wir wie es aussieht über die Runden, da wir gleich zu Beginn für schwere Zeiten gespart haben – die sind jetzt schneller gekommen, als erwartet.

 

Katharina Parpart, Pressesprecherin Schauspiel Stuttgart

Momentan befinden wir uns im Schwebezustand, es gilt abzuwarten. Ich gehe davon aus, dass sich die Lage in Deutschland weiter verschlimmert. Die Situation, nichts abschätzen oder planen zu können, fühlt sich verrückt und ungewohnt an. Wir vom Schauspiel haben kein Online-Ersatzprogramm oder dergleichen geplant – zum einen ist das Theater eine Live-Kunst, die vom anwesenden Publikum lebt, zum anderen gibt es im Moment einfach Wichtigeres. Da steht das Theater hinten an – zuallererst muss es um die Gesundheit gehen. Unsere Schauspieler befinden sich momentan im Selbststudium, proben zuhause ihre Texte. Wir bereiten uns auf den Tag X vor, wenn wir wieder spielen dürfen.

Vor ein, zwei Wochen hätte niemand hier mit der Schließung des Hauses gerechnet, ich denke wir alle, die Gesellschaft und auch die Politik waren aufgrund der Entfernung zu China etwas naiv. Wir als Staatstheater befinden uns in einer komfortablen Lage im Gegensatz zu freischaffenden Künstlern, für die diese Zeit eine absolute Katastrophe ist. Bis jetzt gibt es noch keine einheitliche Regelung, wie wir konkret unterstützen können, aber wir müssen Lösungen finden! Auf menschlicher Ebene fühlen wir uns verantwortlich für die Künstler und Kulturschaffenden, die um ihre Existenz bangen müssen.

Die letzte Wirtschaftskrise hat uns sehr gefordert, aber wir haben Mittel und Wege gefunden, gegenzusteuern. Das Besondere an der jetzigen Corona-Krise ist, dass wir gegen einen Virus kämpfen, der viel unberechenbarer ist und dem wir bislang ohne Gegenmittel, ohne Impfstoff ausgesetzt sind. Dabei sind wir eigentlich eine Gesellschaft, die ans Machen, ans Problemlösen gewöhnt ist. Jetzt sind wir zum Stillhalten und Abwarten gezwungen und das ist eine völlig neue Erfahrung. Vielleicht hat sie aber auch etwas Gutes: sie lehrt uns ein bisschen Demut. Und stärkt (hoffentlich) die Solidarität untereinander.

 

Felix Klenk, Freund & Kupferstecher

Ich gehörte am Anfang auf jeden Fall eher zu denen, die die ganze Sache locker gesehen haben. Ich habe diesen einen Step nicht weiter gedacht, was passieren könnte, wenn diese Katastrophe zu uns rüber schwappt. Als Italien abgeriegelt wurde, war für uns klar, dass wir den Laden in absehbarer Zeit zu machen müssen. Das war auch der Punkt, an dem wir verstanden haben, dass es richtig ernst wird. Da wir uns schon vor dem offiziellen Erlass entschieden haben, den Club dicht zu machen, sind wir vielleicht schon etwas über die Schockstarre, in der sich viele andere aktuell noch befinden, hinaus.

Meiner Meinung nach kam der Erlass viel zu spät. Alles, worauf unsere Existenz beruht, steht momentan auf der Kippe. Wir bräuchten wenigstens die Möglichkeit, unsere Miete zu bezahlen, ich habe aber bisher keine Ahnung, ob wir irgendeinen Support bekommen. Die meisten unserer Angestellten waren 450-Euro-Jobber. Die müssen, genau wie unser Azubi und unser Praktikant, zuhause bleiben.

Die Festangestellten versuchen wir mit Kurzarbeit über Wasser zu halten, es ist alles in der Luft. Letzte Woche haben wir uns über Streams unterhalten, die als Ersatzprogramm dienlich sein könnten, ich denke aber, sowas ist schwer monetarisierbar. Zumal wir monatlich keinen kleinen Fixkosten-Betrag bezahlen müssen, da ist sowas ein Tropfen auf den heißen Stein. Damit kann kein Verlust kompensiert werden, man sorgt nur dafür, dass vielleicht ein paar wenige am Ball bleiben können und der Laden nicht ganz in Vergessenheit gerät.

 

Dario Orec, Gasthaus Bären

Wir sind mega gut ins neue Jahr gestartet! Der Dezember sah recht bescheiden aus, weil die ganzen großen Automobilhersteller ihre Weihnachtsfeiern aufgrund des Diesel-Skandals abgesagt hatten. Nun schien es so, als wollten sie das ganze Geld, das sie da nicht ausgeben konnten, in den kommenden Monaten loswerden – wir waren wirklich top gebucht. Die EM und das Weindorf standen vor der Tür, meine Frau äußerte schon Bedenken, dass wir uns zu viel aufgeladen hätten und ein hartes Jahr auf uns zukommen würde. Ich sagte ihr, dass wir das durchziehen werden und uns im Dezember einen schönen Urlaub leisten.

Im März kamen dann die Absagen aller Firmen, als würden die Ratten das sinkende Schiff verlassen – wie man so schön sagt. Ich dachte erst, wir könnten überleben und einfach gestärkt aus dieser Situation herausgehen, doch dann kamen die Absagen der privaten Gäste und es hat uns voll erwischt. Leider lässt uns die Stadt bis jetzt komplett mit dieser Lage allein, es gibt keine Hilfen und keine Lockerungen und es bringt mir auch nichts, einen Kredit aufzunehmen. In Bänker-Deutsch würde man das Insolvenzverschleppung nennen. Wir haben monatliche Fixkosten von 40.000 Euro.

Ich verzichte mittlerweile auf meinen Lohn und versuche meine Mitarbeiter, die das alles hier mit mir in den letzten Jahren aufgebaut haben und denen ich so dankbar bin, noch ein, zwei Monate über Wasser zu halten. Unser Vermieter wird keine Stundung geschweige denn einen Erlass akzeptieren und hat uns bereits einen Auflösungsvertrag vor die Nase gelegt. Wenn wir nicht rechtzeitig zahlen, fliegen wir raus. Wir haben in den letzten Tagen alles geputzt, der Betrieb ist eingestellt und jetzt werden wir mit einigen freiwilligen Mitarbeitern eine neue Karte erstellen, neue Gerichte ausprobieren und trainieren, damit wir, falls wir das Gasthaus Bären jemals wieder aufmachen können, stärker und qualitativ hochwertiger zurückkommen als jemals zuvor. Wir haben nichts mehr zu verlieren.

 

Felix Göppel (Dexter), Produzent und Künstler

Meine Tour mit Döll und Juicy Gay ist abgesagt und auch alle anderen Shows und Gigs fallen vorerst ins Wasser. Momentan sind wir dabei Ersatztermine zu finden, den Rattenschwanz der an dieser ganzen Situation dran hängt kann aber noch keiner abschätzen. Ich habe den Vorteil, dass ich nicht nur von Live-Einnahmen lebe, sondern auch Studio-Sachen mache, aber es fällt einfach ein gehöriger Batzen Geld weg. Ein paar Monate kann ich mich so über Wasser halten, dann seh ich mich aber schon wieder im Krankenhaus arbeiten.

Da ich Kinderarzt bin, habe ich ein zweites Standbein, auf das ich in so einer Krise zurückgreifen kann – wirklich schlecht geht es den ganzen Künstlern, die nichts anderes gelernt haben. Irgendwie muss jetzt Geld gegeben werden, sonst werden ganz viele Künstler und vor allem auch Club- und Barbesitzer nach dieser Krise nicht mehr existieren. So wie für die großen Unternehmen gezahlt wird, muss schnellstens auch für die kleinen eine Hilfestellung her.

Für mich hat sich vom Alltag her nicht so krass viel geändert, statt zuhause zu arbeiten und am Wochenende auf Gigs zu fahren, bin ich jetzt halt nur noch zuhause – zum Glück haben wir ein kleines Gärtchen und eine Einfahrt, in der wir mit den Kids mal einen Ball hin und her schießen können. Die verstehen ja überhaupt nicht, warum sie nicht auf den Spielplatz können und müssen irgendwie beschäftigt werden. Wir basteln im Moment mehr und haben einen Plan erstellt, damit wir trotz allem irgendwie einen geregelten Alltag hinbekommen.

Ich chille nicht wirklich oder hab mehr Zeit zum Lesen, eher finde ich alles stressiger. Vor allem der mentale Stress macht mir zu schaffen, nicht aufgrund meiner eigenen Existenz, sondern wegen der ganzen Musikbranche und meinen Leuten aus der Gastro, um die mache ich mir Sorgen. Die Leute, die jetzt immer noch auf dem Marienplatz sitzen und die Lage nicht ernst nehmen, sind wahrscheinlich überwiegend Studenten, oder eben irgendwelche, die nicht betroffen sind, weil sie nicht arbeiten müssen, um zu überleben.

 

Marius Lehnert, DJ und Veranstalter Discotronic Night/DEEPER!

Bei mir hat das alles schon ein bisschen früher angefangen und zwar Anfang März. Geplant war eine „Discotronic Night“-Veranstaltung mit einer italienischen Headlinerin. Sie teilte mir am Tag der Party mit, dass sie aufgrund von kurzfristigen Reiserestriktionen nicht kommen kann. In Italien waren zu diesem Zeitpunkt bereits alle in Panik und sowohl die Künstlerin als auch ihr Management konnten nicht verstehen, dass wir die ganze Sache nicht ernst nehmen und nach wie vor in Clubs feiern gehen. Die Party fand trotzdem statt, da machte sich noch niemand Gedanken über mögliche Schließungen. In der darauffolgenden Woche kam es zu Diskussionen hinsichtlich großer Veranstaltungen und sieben Tage später war schon kein Betrieb mehr möglich.

Ich persönlich bin gleich dreifach betroffen. Durch die Schließung des Kowalski liegt meine Tätigkeit als Booker erstmal auf Eis, noch schwerer trifft mich die Tatsache, dass die Partys, die ich selbst veranstalte, für die teilweise schon Flyer, Plakate und Banner gedruckt wurden, nicht stattfinden können. Auch meine dritte Stütze ist lahmgelegt: alle DJ-Gigs sind gecancelt. Die drei Standbeine meiner Selbstständigkeit sind vorerst blockiert.

Ich kann von Glück reden, dass ich aufgrund der letzten doch recht erfolgreichen Jahre ein paar Rücklagen habe, aber das geht nicht vielen so. Und das ist auch nicht Sinn und Zweck der Sache – man wird um Jahre zurückgeworfen. Diese immensen Verluste müssen irgendwie aufgefangen werden und zwar nicht durch Kredite, welche die Problematik nur aufschieben, sondern durch sinnvolle Unterstützungsfonds, die freischaffenden Künstlern und kleinen Gastronomen schnell und unbürokratisch zur Verfügung stehen. Das Club Kollektiv macht da im Moment einen super Job und setzt sich für uns alle ein.

Ansonsten hilft nur daheim bleiben, die vorhandene Zeit im Studio zur Musikproduktion zu nutzen und gemeinsam mit Gleichgesinnten am Ball zu bleiben. Ich bin im engen Kontakt mit anderen Betroffenen aus elektronischen Clubs in Stuttgart, wir haben eine Whatsapp-Gruppe, in der wir Infos austauschen und uns gegenseitig unterstützen.

2 Kommentare

  • Reply
    Tobias Lutz
    20. März 2020 at 11:04

    #rettetdasbären

  • Reply
    Paul Theumer
    20. März 2020 at 11:06

    #rettetdasbären

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