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Wortwechsel:
APOTHEKE X ROCCO

Wortwechsel Stuttgart Rocco Apotheke

Statt klassischem Interview lassen wir die Protagonisten bei unserem Wortwechsel selbst die Fragen stellen. Im Anbetracht der unzähligen herbstlichen Neueröffnungen haben wir die Macher der Spirituosengalerie „Apotheke“ Leo Langer und Sarah Deuss sowie Rocco-Chef Robin Giesinger an einem Tisch versammelt, um über Schnaps, Ausgehen in den Dreißigern und Bar-Business zu quatschen.

Robin: Erklär doch mal, wie du jetzt den Schritt von deiner „Chaplins Bar“ in Ludwigsburg hier nach Stuttgart gemacht hast mit so einem außergewöhnlichem Konzept.
 
Leo: Da ich aus der Barwelt komme, ist es für mich recht einfach, eine Spirituosenhandlung aufzumachen. Eine Weinhandlung ist nicht so schwierig zu betreiben – denn da geht es am Schluss doch immer um die Traube. Bei Schnaps reden wir aber darüber, dass schon bei den Produktionsschritten alles komplett unterschiedlich ist. Jemanden zu finden, der beraten kann und das auf eine coole Art und Weise macht, ist da unheimlich wichtig. Deshalb bin ich gottfroh, dass ich Sarah gewonnen habe, die auch aus der Bar-Welt kommt und ein ähnliches Know-how hat. Die Leute können hier einfach erklären, was sie brauchen und wir haben bei knapp tausend Positionen dann – toi, toi, toi – auch das Richtige für sie da. Wir wollen den Leuten den Zugang erleichtern. Es gibt allerdings kein gutes Material unter 30 Euro! Für weniger ist es technisch nicht möglich, gescheites Liquid herzustellen.
 
R: Ja, klar. Und wir Gastronome müssen halt extrem betriebswirtschaftlich denken. Bei 30 Euro wird natürlich auch der Drink an sich teurer und die Marge verringert sich schnell. Dadurch ist meine Auswahl, die ich zum Beispiel bei euch habe, direkt begrenzt.
 
L: Ja, bei uns kommen die Leute aber auch mit einem anderen Anspruch rein. Die erwarten, dass ich denen einen krassen Drink hinstelle. Wenn du mir jetzt einen Mescal-Drink auf den Tresen stellst, denk ich mir erst mal – krass, was für ein Laden!
 
Sarah: Was ich auch verrückt finde, ist dass sich das Konsumverhalten der Leute total ändert. Es ist gerade einfach genau die richtige Zeit, um so einen Laden aufzumachen. Wir sind ja auch nicht nur ein Spirituosenladen, sondern haben die Möglichkeit, einfach mal zu zeigen, wie so ein Cocktail funktioniert. Die Leute sind mittlerweile bereit, sich coole Sachen zu kaufen und zuhause einfach mal was auszuprobieren. Gestern kamen ein paar rein, die waren knapp 20 Jahre alt und haben sich einen richtig guten Whiskey gekauft – einfach, weil die Bock hatten, das mal auszuprobieren.
 
R: Das sieht man wirklich überall. Die Leute sind echt bereit, für Qualität zu bezahlen.
 
L: Nimm dich dafür als Beispiel! Was war früher Bar und Tanzen? Die Theo. Und was gab’s da? Ein bisschen Smirnoff, schäbigen Rum und wenn’s gut läuft noch einen originalen Jack Daniel’s und dann war’s das aber.
 
R: Genau die Lücke haben wir auch versucht zu schließen. Ich würde kein billiges Zeug anbieten, trotzdem muss man irgendwie diesen Match finden zwischen hoher Qualität und Profitabilität. Und das Publikum ist mittlerweile auch bereit ein, zwei Euro mehr zu bezahlen.
 
L: Ja, aber wenn du beispielsweise eine 120-Euro-Flasche Mescal in deine Bar stellst, musst du zwei cl mit fast 25 Euro berechnen. Das bezahlen höchstens 50 Leute in ganz Stuttgart.
 
R: Und die haben eh so ’ne feine Hausbar, dass die nicht raus gehen.
 
L: Früher war das ja so ein Phänomen, wenn man in den Club gegangen ist: Man wollte diese große, teure, leuchtende Pulle auf dem Tisch stehen haben. Dieses Bedürfnis haben wir ja alle nicht mehr.
 

 
R: Die Leute haben heute lieber einen kleinen Cocktail vor sich stehen, in dem auch ein bisschen Liebe drin steckt, etwas Ausgefalleneres, wo man eine Geschichte dazu erzählen kann …
 
S: … den man geil für Instagram fotografieren kann!
 
R: Genau. Dieses veränderte Weggeh-Verhalten haben wir versucht in unserer ersten Bar, dem „Puf“ und auch jetzt im „Rocco“ zu berücksichtigen. Die Leute haben mittlerweile andere Erwartungen ans Feiern und deshalb gibt es jetzt eben solche Konzepte wie unseres und auch eures.
 
S: Ralph in der „Bar“ im Westen war ja mit einer der ersten in Stuttgart, der so ein hochwertiges Konzept an den Start gebracht hat.
 
R: Und du hast ja auch viel und immer hinter der Bar gearbeitet, oder?
 
S: Ich war eine Weile im Ausland und hab eine Barkeeper-Lehre in Frankreich absolviert. Dann hab ich lange eine Bar in Bremen geleitet und war jetzt zuletzt in der Wolfram-Bar im Jaz-Hotel Stuttgart. Auf einmal kam Leo um die Ecke, und da dachte ich, das ist jetzt genau das, was funktionieren kann und worauf ich Bock habe!
 

 
L: Mal was anderes: Was sagen die Leute, wenn sie hören, dass ein Türsteher einen Laden aufmacht?
 
R: Ein paar Leuten fällt es auf und die fragen dann „Hey, du warst doch mal 15 Kilo schwerer und hast an der Tür gearbeitet“, ich sag dann: „Das ist mein Zwillingsbruder, der steht da immer noch!“
 
L: Okay, ich dachte, du hättest vielleicht mehr Gossip abbekommen.
 
R: Letztendlich hat es mir sehr geholfen, da ich dadurch ein großes Netzwerk habe. Nach dem Studium dachte ich aber eigentlich, ich will nichts mehr mit dem Nachtleben zu tun haben – aber ihr wisst ja selber, wie das läuft: Man kommt nicht davon los. Definitiv dann aber nicht mehr als Angestellter – ich wollte irgendwas Eigenes machen. Mit Flo, mit dem ich seit 20 Jahren befreundet bin, hab ich dann angefangen, was Kleines nebenher zu machen. Und so machen wir das jetzt immer noch.
 

 
L: Zwei Bars nebenher ist aber auch sportlich.
 
R: Ja und wir beide kommen nicht aus der Barkeeper-Richtung, weshalb es für uns schwierig war. Wir wollten auch nicht nur in die Cocktail-Richtung gehen, sondern eine Nische bedienen. Leute in unserem Alter haben oft keine Lust mehr auf Clubs, wollen aber trotzdem einen stimmungsvollen Laden, in dem auch mal getanzt wird.
 
L: Stand der Laden leer?
 
R: Bis Juli war das Ding tatsächlich noch ein laufender Puff. Wir haben uns das dann während der Betriebs-
zeit mal angeschaut, umgarnt von den Mädels, die teilweise auch schon 70 Jahre alt waren – ungefähr so alt wie der Laden selber. Erst haben wir überlegt, vom Stil her komplett darauf aufzubauen, da hat sich seit den Fünfziger Jahren nichts mehr verändert. Das Ding hat eine Konzession seit 1870 – durchgehend!
 
Alle: Krass!
 
R: Erst war das ein Restaurant und ist dann eben kurz vor dem zweiten Weltkrieg abgedriftet ins Rotlicht-Milieu, wie alles andere in der Altstadt auch. Wir mussten dann aber doch alles neu machen, beim Renovieren haben wir teils unmenschliche Sachen gefunden …
 
S: Ganz ähnlich wie hier, beides sehr geschichts-
trächtige Läden!
 
Vielen Dank an unseren Fotografen Benjamin Slavik!

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