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WORTWECHSEL
ICE CAFE ADIRA – CLUB KOLLEKTIV

Wortwechsel

Statt klassischem Interview lassen wir die Protagonisten bei unserem Wortwechsel selbst die Fragen stellen. Die Neueröffnung in der Eberhardstraße schlägt Wellen und sorgt für neues Licht am Stuttgarter Party-Himmel. Was im Kessel hinsichtlich Subkultur passieren sollte und warum Bad Cannstatt noch eine wichtige Rolle spielen könnte, erörtern Rainer Guist, der dieses Jahr sein zehnjähriges Elektrosmog-Jubiläum feiert und letztens zum Clubkollektiv-Vorstand gewählt wurde und Daniel Geiger, der uns das schöne Ice Cafe Adria in der Eberhardstraße 5 beschert hat.

Rainer: Was ist denn so das Konzept vom Ice Cafe Adria? Beziehungsweise was wollt ihr anders machen, als andere Bars?

Daniel: Wir machen es wie immer: die Konzeptlosigkeit zum Konzept machen – das tut der Freiheit gut, der Atmosphäre und der Stimmung. So ergibt sich eine schöne Mischung aus Leuten. Ein strammes Konzept wirkt bei anderen oft angestrengt, es ist nicht immer gut, wenn alles perfekt geplant ist.

R: Erinnert mich so ein bisschen an den 1. Stock: breit gemischtes Publikum, verschiedene Musikstile, kein fixierter Laden.

D: Genau. Es wird hier verschiedene Veranstaltungen geben. Ich freue mich auf Abende mit gutem HipHop und bin sehr gespannt, was hier alles passieren wird. Auch auf die Sachen, die du hier ausprobieren wirst, alleine mit Elektrosmog oder auch gemeinsam mit Jochen und Tizi freue ich mich sehr. Ich mag nämlich auch elektronische Musik und bin ein Regenbogen der Vielfalt. Ich komme ja aus dem künstlerischen Bereich, weshalb es auch gut denkbar ist, dass es hier Ausstellungen geben wird.

R: Und wo soll es Booking-mäßig so hin gehen?

D: Du als Veranstalter kennst ja die Gage-Eintritt-Problematik, man kann nicht einfach XY buchen. Außerdem haben wir auch Bock auf lokale Leute, Leute die wir kennen und die Lust haben, was zu machen und sich einzubringen. Die Resonanz nach dem Eröffnungswochenende war jedenfalls sehr positiv.

R: Ich denke auch, dass das Ice Cafe eine schöne Aufwertung für diese U-Bahn-Haltestellen-Situation ist. So eine Souterrain-Ebene, die eigentlich nie im Fokus war und auch nicht wirklich schön ist. Das war ja bisher immer ein totes Eck, sobald Breuninger und Co. geschlossen haben. Jetzt gibt es hier was. Dieser Teil der Eberhardstraße wird dadurch belebt, vielleicht zieht es ein paar Leute weg vom Rotebühlplatz. Diese Mischung, die ihr früher im Wurst & Fleisch und im Super Popular Sanchez hattet, etwas offenes, urbanes, querbeet-gemischtes, ist glaube ich ein gutes Konzept für diesen Spot hier. Allerdings sollten sich Clubs und andere Locations über die ganze Stadt ausbreiten können und nicht nur auf der Innenstadtfläche.

D: Früher gab es ja sehr viele Brachen in Stuttgart. Man muss sich mal das ganze Nordbahnhof Areal anschauen, da war so viel Platz und sehr vieles ist entstanden. Da war immer viel Bewegung drin, weil es toleriert wurde – bis es eben in den Blickpunkt kam. Subkultur braucht immer Freiraum zum kreuchen und fleuchen, das ist ganz wichtig. Stuttgart ist ja Kulturhauptstadt – allerdings nicht SUBkulturhauptstadt! In Ballett, Oper und Theater haben wir durchaus ein vorzeigbares Programm, das mit Subkulturellem zu vermischen, ist schwierig. Nachts gibt es ein ganz anderes Klientel. Bars, Clubs oder Orte wie Contain`t bilden ein „social hub“ – da treffen sich Leute aus alles Gesellschaftsschichten, aus verschiedenen Altersgruppen, zum Netzwerken und Austauschen. Und auch die, die in großen Firmen arbeiten, gehen nicht nur in die Tequila Bar, um sich abzuschießen – die wollen auch oft etwas Anspruchsvolleres in der Subkultur.

R: Genau da sind wir vom Club Kollektiv der Meinung, dass eine Aufwertung stattfinden muss, im Sinne der Verwaltung und der Politik. Stuttgart kann Hochkultur sehr gut. Man muss aber auch das Drumherum fördern und würdigen. Es ist schön, dass sich die Waggons und der Wagenhallen Verein halten konnten. Es wäre aber auch wichtig dem Contan`t eine Fläche zu geben.

D: Und die Brachen werden knapper …

R: Es gäbe ja auch Flächen in Obertürkheim oder so, aber die Lust der Leute, ein bisschen rauszufahren, ist sehr gering. Die Pano.Bar hat ja akut das Problem. Insgesamt ist es überall schwierig, wo Laufkundschaft fehlt. Hier ist ja auch ein seltsames Milieu, aber vielleicht befruchtet das Ice Cafe ja die Nachbarschaft und da oben im leerstehenden Friseursalon eröffnet eine weitere Bar, die eine Ergänzung zu euch bildet. So kann sich bestenfalls etwas wie am Marienplatz entwickeln. Die Leute müssten anfangen in Vierteln zu denken. Die Stuttgarter sind extrem Innenstadt-bezogen, was ihr Ausgehverhalten angeht. Da müsste man so ein bisschen das Köllner, Berliner, oder Hamburger Denken übernehmen. Davon sind wir aber noch weit entfernt … Bad Cannstatt wäre zum Beispiel das perfekte Biotop für Subkultur, da ist so dermaßen Brachland.

D: Cannstatt ist ja auch ein eigenes Viertel. Die Stuttgarter schaffen es nur nie über diesen Fluss rüber …

R: Was dort gut wäre: so eine Art Tag-Club! So Aromåt-mäßig, wo man einfach Sonntagmittag hingehen kann und zwei Sekt trinken – ein kleines Kontrastprogramm zum Zuhause sitzen und Tatort schauen! Einfach ganz entspannt. Dafür müsste es eine Location geben.

D: Alles mit Aufwand verbunden. Gerade bei solchen temporären Flächen, wie es auch diese hier ist, denkt man manchmal beim Einbau, dass man das alles wieder ausbauen muss. Aber jetzt haben wir ja gerade erst angefangen und wollen nicht schon wieder ans Ende denken. Man muss halt auch in temporäre Projekte viel reinstecken: Zeit, Mühe und auch Geld und Liebe zum Detail!

R: Hier wird halt auch nicht anerkannt, dass Partys und Clubs mehr sind als Feiern, Saufen und Ballaballa! Dass da so viel drinsteckt, sieht kaum einer. Ganz viele Leute sind da breit verankert, machen Theater, Musik, sind Tontechniker und organisieren Live-Konzerte. Es wird nie über die positiven Aspekte geredet, über die Bereicherung eine Viertels, die Bereicherung im Angebot generell, über die Orte, die entstehen können – ein ganz anderer Verlauf als mit geförderten Institutionen.

D: Alles sollte ein bisschen offener sein, nicht einschränken, sondern Kreativität zulassen. Es besteht ja auch ein unmittelbarerer Zusammenhang zwischen Hoch- und Subkultur. Die Leute, die klein anfangen, etablieren sich oftmals auf anderen Ebenen. In allen Läden gab es immer Leute, die aus dem Theater oder Ähnlichem kamen! Gauthier und seine Gruppe waren Stammgäste in sämtlichen Bars. Man darf da keine Grenzen ziehen, es muss sich irgendwie mischen. Außerdem ist alles temporär. Wir haben ja auch keine unendliche Lebensdauer, die besten Verbindungen zerbrechen. Außer Atommüll zum Beispiel, der hält ziemlich lang.

Fotos: © Jakob Marwein

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