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Plattform #93: Kinder haben Angst vor Flugzeugen von Serkan Eren

Ich spreche oft von den zwei Welten, die mein Leben bestimmen. Da gibt es die eine Realität von mir, hier in Stuttgart. Dazu gehören der VfB, gutes Essen im Feinkostgeschäft meiner Freundin, witzige Sprüche im STELP-Team, der ein oder andere Gin Tonic, unsere schöne Wohnung im Stuttgarter Westen, die Zigarette zum Bier. Meine zweite Welt ist nicht in Stuttgart. In ihr werden hungernde Kinder in Krisengebieten zu Protagonisten. Weiterlesen

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Plattform #92: Auf dem Weg zum Nachtmanager von Nils Runge

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal vom sogenannten „Nachtbürgermeister“ gehört habe, war ich direkt von solch einer Stellenbezeichnung begeistert. Noch grün hinter den Ohren dachte ich: „Der Name: Bürgermeister einer Stadt mit Fokus auf die Nacht; die Stellenbeschreibung: nachts unterwegs sein und dafür bezahlt werden – das klingt nach einem Traumjob!“

Seitdem sind viele Tage und Nächte vergangen, in denen ich studiert, gefeiert, gearbeitet und mich ehrenamtlich für das Nachtleben in Stuttgart eingesetzt habe. Es ist viel Zeit vergangen, in der ich mich bewusst mit einer solchen Stelle auseinandergesetzt habe und mir immer klarer geworden ist, dass sie viel mehr bedeutet, als nur nachts unterwegs zu sein. Sich für das Nachtleben einzusetzen ist Leidenschaft, aber eben auch Arbeit, teilweise sehr harte Arbeit.

Das habe ich bereits mit unserem Verein Waldtraut Lichter, bei unseren Partys, auf unserem Festivalfloor oder bei zahlreichen Kooperationen mit unterschiedlichsten Akteur:innen wie der Staatsgalerie, dem CSD Stuttgart, FF*GZ oder dem „Bunter Beton“-Festival gelernt – als Ehrenamt, um Stuttgart bunter zu machen und um Alternativen zu bieten. Das Interesse am gesamten Konstrukt des Nachtlebens sank trotz der manchmal nervenaufreibenden und schwerfälligen Arbeit aber nicht, sondern wuchs im Gegenteil weiter! Ich wollte mehr darüber erfahren, ich wollte dazulernen. Die logische Konsequenz? Mich mit anderen Akteur:innen austauschen: Konferenzen und Vorträge besuchen. In der Freizeit, als Ehrenamt.

Bisher hatte ich als Projektleitung hauptberuflich auf Veranstaltungen gearbeitet und dabei die großartige Chance, ein Einzelunternehmen auf seinem Weg zur GmbH mit einer Außenstelle in London zu begleiten. Dabei habe ich als Teil eines tollen Teams viel gelernt, aber in einem anderen Kontext und auf einer anderen Art als bei Veranstaltungen. Mir hat bei dieser Arbeit die Identifikation gefehlt und vielleicht auch etwas das Politische. Daraufhin folgte die für mich logische Konsequenz: Weiterbildung. Einen Master studieren. Mit Anfang 30 als alter Hase – zumindest im Vergleich zu den meisten Kommiliton:innen.

Während des Studiums habe ich mich trotzdem auf Stuttgarts Nachtleben konzentriert. Es war 2020 – man brauchte Alternativkonzepte. Inzwischen kannte ich viele Akteur:innen in Stuttgart und erfuhr so, dass es ein Streamingangebot mit Crowdfunding für die Clubs geben sollte. Fand und finde ich super. Finde ich wichtig. Auch in solchen Zeiten sollte man ein Zeichen an die Gäste und Künstler:innen senden. Stuttgart nach außen präsentieren: United We Stream.

Aus diesem Projekt entstand 2021 die IG Clubkultur Baden-Württemberg – es wurde politischer. Kurz vor Ende meines Studiums wurde die bereits weit im Voraus vom Club Kollektiv Stuttgart und dem Pop-Büro Region Stuttgart geplante Stelle des Nachtmanagers in Stuttgart ausgeschrieben. Hallo, Traumjob! Was für ein perfektes Timing. Mit Aussicht auf das baldige Studierende machte ich mich an die Bewerbung. Die erste spannende Frage: Wer ist noch mit dabei? Ich erfuhr über Freunde den einen oder anderen Namen. Es wurde spannend. Die Bewerber:innen wurden veröffentlicht. Die Konkurrenz war groß. Jetzt begann der für mich bis dato unbekannte Teil. Das erste Mal in meinem Leben eine halbwegs professionelle Social-Media-Kampagne – theoretisch mal gehört, praktisch nie ausgeführt. Zum Glück gibt es Freunde und Freundinnen! Es bildete sich ein Team, das mir zu jeder Tag- und Nachtzeit unterstützend und ausführend zur Seite stand – teilweise mein engster und liebster Freundeskreis und meine Freundin, teilweise fast unbekannte Gesichter. Ein unglaublicher Support. Dann begann das Öffentlichkeitsvoting. Anspannung. Stop des Votings. Nachdem sich die Mehrheit der Kandidat:innen zusammen mit dem Pop-Büro dafür ausgesprochen hatte: Neustart.

Jetzt ging der ungemütliche Teil weiter: Anrufe mit der Bitte zum Voting, hunderte Nachrichten verschicken. Viel positives Feedback und Unterstützung. Aber auch im Mittelpunkt stehen, immer wieder über die Stelle reden. Überzeugen. Vertrauen schaffen. Ich mag den Mittelpunkt nur bedingt, zumindest, so lange ich mein Können nicht unter Beweis stellen kann … Außerdem auch negatives Feedback. Und wie wir halt so sind: Negatives geht einem doch nah. Zum Glück gibt es Freunde und Freundinnen, die aufbauen und helfen. Dann – Platz 3. Ich konnte es nicht fassen. Dankbarkeit!

Next Step: Die Präsentation für die Jury vorbereiten. Meine Aufregung war riesengroß. Das Gute: Allen zehn Kandiat:innen ging es ähnlich. Das Schöne: Die Stimmung war respektvoll und harmonisch. Auf der Bühne dann in Kameras schauen anstatt in Gesichter. Wie schräg ist das denn, kein Fixpunkt, keine Reaktion, keine Mimik. Nur eine grüne und eine rote Lampe. Absurd. Ab nach Hause. Hoffen. Mehr hoffen. 23.15 Uhr: Ich bin eine Runde weiter! Sekt! Viel Sekt!

Noch ist es aber nicht geschafft. Bewerbungsgespräch: Viele Augen und viele spannende Fragen zum Nachtleben und den damit verbunden Konzepten und Aufgaben. Es vergehen Tage, die sich wie Wochen anfühlen. Es dauert sehr lange. Zu lange? Haben sie jemand anderem zugesagt? Ein Wechselbad der Gefühle. Plötzlich kommt die Zusage. Bitte was? Ich habe es geschafft. Ich bin sprachlos. Ich bin unglaublich glücklich. Aber es darf noch nicht kommuniziert werden, die zweite Stelle ist noch nicht final besetzt. Schweigen. Den Freund:innen, die mich unterstützt haben, etwas vorenthalten. Ein paar Tage. Ich verstehe es, es geht um die gemeinsame Stelle. Fühlt sich trotzdem nicht gut an. Aber der Schweiß hat sich gelohnt. Aus dem Traum wird ein Job. Beginn: Jetzt.

Eine wichtige Frage bleibt offen: Wer hat die zweite Stelle? Funktioniert die gemeinsame Arbeit? Eine Koordinierungsstelle, zwei getrennte Bewerbungsverfahren. Zwei unterschiedliche Arbeitgeber. Eine gemeinsame Aufgabe. Eine gemeinsame Kommunikation, intern wie extern.

Die Stellenbesetzung wird veröffentlicht. Was folgt, ist eine Diversitätsdebatte. Bei zwei Männern verständlich. Klar, ich bin ein Mann und werde mich nie in zu 100 % in eine Frau einfühlen können. Ich hoffe aber, sensibel genug zu sein. Ich werde mir die weibliche Sicht und die Expertise von Vereinen wie Wildwasser zu Herzen nehmen und natürlich um Rat fragen. Wenn nicht genug, haut mir auf die Finger. Oder besser: Schreibt mir!

Dann Neuigkeiten: Rücktritt der zweiten Stelle. Eine wichtige Frage bleibt offen … Die Verantwortung und der Respekt vor der Stelle wachsen jedoch. Jetzt gilt es, die unterschiedlichsten Akteur:innen kennenzulernen und mit einzubeziehen, um möglichst viel zu bewegen. Ein Konzept zu erstellen, das kurzfristig, gleichermaßen aber auch langfristig und nachhaltig ist. Alles läuft wieder parallel: Freiflächen, Waggons, Einführung, Presse, Netzwerk. Viel! Viel Neues. Also Ärmel hoch und los. Die Arbeit hat gerade erst begonnen.

Nils Runge

Text © Nils Runge

Nachtmanager beim Pop-Büro Region Stuttgart (Ein Angebot der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH & der Stuttgarter Jugendhaus GmbH)

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Plattform #91: Le Le Le – Lethargie von Christoph „Marz“ Schwarz

Zugegeben, ich bin es überdrüssig. Dieser Zeit, den Nachrichten, jeglichem Gespräch, diesem Text, jeder einzelnen Vire. Schon allein, den Wiki-Artikel zu „Lethargie” gegoogelt, gefunden und fast zur Hälfte gelesen zu haben, buche ich guten Gewissens unter Tagwerk ab.

Nach getaner Arbeit gehe ich zu Bett, träume stolz vor mich hin und bin mir sicher, morgen (oder nach Neujahr) einen neuen Alltag, in dem kein Mensch Interesse an einem weiteren Text zur Coroner-Situation haben wird, begrüßen zu dürfen. Denkste! Ich bin wach, neues Jahr, gleiche Zeit, gleiche Nachrichten, gleiche Gespräche (wenn überhaupt) und immer noch keine Muse, diesem Schlamassel etwas Positives abgewinnen zu können. Geschweige denn, dies in einen sinnvollen, lebensbejahenden Text zu verschachteln. Meine Mitmenschen haben sicher ebenso großes Interesse wie ich, sich erneut gefährlichem Halbwissen von jemand auszusetzen, der nicht einmal ansatzweise so aussieht wie Dr. Drosten. Außerdem sind die alle selbst groß und kommen sicher supergut allein zurecht. Dann schalte ich den Fernseher ein …

Man sollte doch meinen, dass knapp ein Jahr reichen sollte, um Körper, Geist und Alltag diesen Lebensumständen anzupassen. Doch verrückterweise sieht man noch immer zahlreiche Körper hoch motiviert – aus welchen Gründen auch immer – umher geistern, statt einfach mal zu sitzen. Einfach so. Ohne Mission. Und in erster Linie auch ohne Risiko. Für sich inklusive aller anderen Mitmenschen sowie deren Mitmenschen und auch deren, usw. Man sollte doch auch denken, dass es ein Einfaches ist, den Anweisungen, die bis zu einem gewissen Punkt sehr simpel waren, Folge leisten zu können. Desto weniger ich dies tue und draußen rumschniefe, desto länger dauert der ganze Quatsch – oder versteh ich da was falsch?

Man sollte auch zur Annahme kommen, dass dies jedem mittlerweile äußerst leicht fallen sollte. Also einfach missionslos zu sitzen. Nach all den Monaten der anfänglichen Skepsis (wahlweise des Shoppingwahns). Dem Wunschdenken, einfach mal mehr Glück zu haben als vergangene Generationen mit ihren komischen Weltkriegen, Pandemien oder Weltkriegen während Pandemien. Der herbstlichen Erkenntnis, dass unser Karma-Level dann doch nicht so geil ist, um den Schlamassel in einem Kalenderjahr geregelt zu bekommen. Daher nun doch mal wirklich Zeit zu haben, diese nicht zu nutzen und wiederum zu erkennen, dass es vielleicht gar nicht an schlechtem Zeitmanagement oder jemand anderem lag und liegt. Außer natürlich dem Chef, der nicht ins Homeoffice kann, äh will. Vor allem hatte ich Naivling bei eventuell bevorstehenden existenziellen Ereignissen – zu denen ich neben einem Kometeneinschlag, kriegerischen Auseinandersetzungen oder Kontakt zu anderen Lebensformen auch diese Pandemie zähle – immer die Hoffnung auf, sagen wir, Einsicht.

Und natürlich ordne auch ich nicht all meine täglichen Bedürfnisse unter und schleiche mich mal zum Rewe oder sogar in die Markthalle. Nur werde ich verflixt nochmal das Gefühl nicht los, dass jegliche Empathie, Solidarität oder das so wichtige Wir-kommen-doppelt-so-gut-zurück-Gefühl einer lähmenden Lethargie oder im schlimmeren Falle boshaftem Trotz gewichen sind. Oder denkst du ernsthaft, Spahni sitzt zuhause mit Schrotflinte auf einem Haufen Impfdosen und kommt deswegen nicht mehr raus auf den Balkon zum Klatschen?

Nochmals, ich bin es überdrüssig. Irgendein Rapper hat mal gesagt „meine Zeit ist knapp bemessen“ (und anschliessend was über deine Mutter). Ich gebe ihm da Recht, zumindest mit Ersterem. Die Zeit ist gerade zwar etwas fülliger vorhanden, mir aber immer noch viel zu schade, um Schuldige zu suchen, keine Maske zu tragen oder zu spekulieren, wann und ob auch alle ihren Lethargie-Kater möglichst schnell in Pflege geben, wenn die Türen sich mit gutem Gewissen wieder öffnen können. Sie werden wieder aufgehen, ganz sicher. Selbiger Rapper sagte übrigens auch „ich seh’ die Dinge realistisch“. Also bleib ich bis dahin einfach hier sitzen und beobachte Bob Ross beim Malen. Bleibt gesund und kommt bitte alle wieder!

P.S.: Wer beide Süßigkeiten im Text findet, gewinnt einen Vorrat Karamell/Spekulatius 😉

 

 

Text © Christoph „Marz“ Schwarz

Normalerweise mit den Bixtie Boys auf der Bühne, bei Wirscheissengold im Studio oder im Stadion anzutreffen, hat sich der Rapper diesmal von Zuhause aus unserer Plattform gewidmet.

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PLATTFORM #89:
„How to Marie Kondō my Friendslist”

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Ein Gutes hatte der Shutdown: Unsere Buden sind so schön wie nie zuvor. Je länger wir in unseren eigenen vier Wänden herumgehangen sind und Staub von A nach B gewirbelt haben, umso klarer wurde uns, dass wir eigentlich zu viele Staubfänger besitzen. Dinge, die wir irgendwann schick oder sinnvoll fanden, die aber keins von beidem sind, und die wir trotzdem aufgehoben haben, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist und ein faules obendrein.

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PLATTFORM #86:
„Ja zur Oper, Nein zur Oper”
Von Tobias Rückle

Tobias Rückle Plattform Stuttgart re.flect

Ja zu neuen Spielstätten! Nein zu ausufernden Bauprojekten. Die Sanierung der Oper wird im Frühling nächsten Jahres im Landtag und im Stuttgarter Gemeinderat entschieden. Dabei geht es weniger um die kulturelle Bedeutung der Oper, vielmehr herrschen allgemeine Zweifel bei Bauprojekten mit Milliarden-Volumen, die durch durch die öffentliche Hand finanziert werden.

Kein Wunder: S21 und BER sind bemerkenswerte Negativ-Beispiele, die für sich stehen. Und während die Elbphilharmonie als Kultureinrichtung in diesem Fall vielleicht einen besseren Vergleich bietet, betrugen auch hier die Baukosten mit rund 866 Millionen Euro letztlich etwas mehr als das elffache der ursprünglich mit 77 Millionen Euro angesetzten Summe.

Man wollte dieses Mal von Beginn an realistische Zahlen liefern, beteuert das Kultusministerium. Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein – bezeichnend also, dass sowas überhaupt beteuert werden muss. Abseits von der rationalen Betrachtung mit Hilfe von Zahlen, könnte die Diskussion über die Sanierung der Oper außerdem viel grundsätzlicher ausfallen: Kultur als allgemeines Gut beinhaltet natürlich die Oper, jedoch auch sehr viele andere kulturelle Einrichtungen.

Da mehr und mehr ein Bewusstsein dafür entsteht, dass wir auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen leben, gilt es, die vorhandene sinnvoll zu verteilen – besonders im Hinblick auf Flächen. Das zeigt auch die Tatsache, dass die Interimsoper auf dem Gelände der Containercity ihre temporäre Heimat findet. Eine Fläche, auf der viele unterschiedliche kulturelle Projekte beheimatet sind. Diese Entwicklung zeigt erstens, wie rar Flächen für kulturelle Institutionen und Projekte sind und zweitens, dass in der Kulturlandschaft mehr als nur die „Hochkultur“ anzutreffen ist. Wer eine vielfältige Kulturlandschaft will, darf den Fokus nicht nur darauf legen.

Dass die Oper an die Container City temporär angesiedelt wird und somit dort Flächen für andere Projekte fehlen, zeigt eindeutig die Priorisierung der Stadt. Zumal die Oper selbst die Fläche am alten Post Depot favorisiert. Positiv wäre es hingegen tatsächlich, wenn die Container City, wie kürzlich angekündigt, dauerhaft bleibt und irgendwann auch anderen kulturellen Institutionen und Projekten zugute kommt. Der Ausgang bleibt dabei aber noch offen. Das Flächenargument spricht hier für die Instandsetzung alter Flächen, damit der Stadt keine Bestandsflächen wegfallen. Die Frage ist nur: Mit welchem Aufwand? Sicherlich kann man die Instandsetzung auch mit geringeren Mitteln umsetzten, jedoch beinhalten die zuletzt kommunizierten Kosten bereits die sechs Jahre Betrieb der Interimsoper an der Container City.

Die aktuelle Diskussion sollte auch nicht nur um Geld gehen, sondern auch darum, wie Entscheidungsprozesse bei staatlichen Großprojekte ablaufen. Hoffentlich spielt dabei der Stuttgarter Gemeinderat eine angemessene Rolle, denn andere Großprojekte zeigen, dass diese stets auch den Alltag der Bevölkerung beeinflussen – sowohl positiv als auch negativ. Manche Fraktionen im Gemeinderat bringen daher eine Volksbefragung ins Spiel. Das hätte mitunter auch den Vorteil, dass ein Interesse des Landes und der Stadt an einem gesellschaftlichen Diskurs besteht – eine weitere Parallele zum defizitären Großprojekt S 21. Bisher ist jedoch keine Bürgerbeteiligung geplant.

Die Zustimmung des Gemeinderats ist ebenfalls fraglich, da die jüngsten Gemeinderatswahlen eine neue Zusammensetzung hervorgebracht hat: Der Gemeinderat ist jünger geworden und beheimatet mehr Parteien als zuvor. Ein Gewinn, da es mehr Pluralität in den Gemeinderat bringt. Vor allem, wenn es sich um Parteien handelt, die vor der Zeit im Gemeinderat schon viel bewegt haben, wie z .B. die Agenda Rosenstein: Auf fünf der insgesamt 85 Hektar könnte ein neues Quartier entstehen, das mit Beteiligung der unterschiedlichen Akteure, eben auch der Bevölkerung, geplant wird. Die Stadt wäre sogar Eigentümer, somit wäre die Fläche im Besitz der Bürger. Die Ironie dabei ist, dass die frei gewordenen Flächen Resultat des Großprojekts S 21 sind. Umso wichtiger, dass Teile dieser Flächen im Besitz der Bürger bleiben sollen.

Der Flächenzuwachs ist auch das eigentliche Geschäft im Kontext von S21 – sehr viel weniger defizitär als der Bau des Bahnhofs. Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass das Konzept der Agenda Rosenstein zwar viele namhafte Unterstützer hat, jedoch die Planung noch nicht fortgeschritten ist. Vielleicht wird sich irgendwann mal häufiger der Gedanke durchsetzen, dass die Beteiligung ALLER Akteure eines Projekts ebenso zu mehr Akzeptanz des Umgesetzten in der Bevölkerung führen könnte. So hätte man bei der letzten Odyssee vielleicht verhindern können, dass die Polizei mit Wasserwerfern einem älteren Mitbürger das Auge heraus sprüht …

Mit Blick auf vergangene und kommende Projekte bleibt zu sagen: Die Sanierung der Oper ist eine große Chance, Dinge anders zu handhaben als in der Vergangenheit. Denn die wenigsten sind gegen den Fortbestand der Oper – vielleicht möchte der Großteil einfach kein negatives Déjà-vu erleben.

TOBIAS RÜCKLE, Pressesprecher des Clubkollektiv Stuttgart e.V., DJ, Veranstalter und Teil der LOVEiT-Crew.