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Plattform #97:
Björn Springorum „Wo ist die Kühnheit?“

Nie sollte man den Fehler begehen, sich mit anderen Städten zu vergleichen. Das macht man in Stuttgart gern, ist auch ein echtes Selbstwertproblem, aber nicht Gegenstand dieses Textes. Jede Stadt ist für sich einzigartig, hat ihre Vorzüge und Nachteile. Wir haben Weinreben auf dem Stadtgebiet, traumhafte Kessellage, die Markthalle, die Wilhelma – kurz: jede Menge, worum uns andere beneiden. Was wir in diesem Erdzeitalter aber nicht mehr werden, ist eine Stadt der Food-Trendsetter. Alle Schaltjahre kommt es hier zwar schon mal vor, dass hier ein Laden mit einem (zumindest für die Stadt und/oder die Region) völlig neuartigen Konzept eröffnet – I Love Sushi als erster Sushi-Bringdienst der Stadt, die Mozzarella Bar als radikale Huldigung der weißen Käsekugel oder El Seco mit ecuadorianischen Aromenexplosionen. Der überwältigende Teil der Neueröffnungen scheint sich allerdings seit Jahren als Trittbrettfahrer mächtig wohl zu fühlen. Hinterherlaufen und ein gelungenes Konzept übernehmen war schon immer einfacher, bequemer, sicherer. Aber eben auch deutlich langweiliger.

Erst waren es die Cocktailbars, die irgendwann mehr Wert auf vollbärtiges Personal und gestärkte Hemden als auf originelle Kreationen legten, dann die inflationär aus dem Boden ploppenden Burger-Shacks mit ihrem überwiegend deckungsgleichen Konzept, später die Ramen-Shops. Natürlich verträgt eine Stadt Konkurrenz, natürlich ist ein Food-Trend nicht umsonst ein Trend und erfordert mehr als einen Laden, um die plötzlich entfesselte Nachfrage zu stillen. Ich frage mich nur, ob das der Weisheit letzter Schluss ist. In Stuttgart wird ein kulinarisches Phänomen dann nämlich gern mal so weit ausgereizt, ausgebeutet und ausgeschlachtet, bis man nach der x-ten generischen Neueröffnung zum selben Thema schnell die Schnauze voll hat vom vormals heißen Scheiß. Nachhaltig ist das nicht, viele Läden müssen voreilig dichtmachen, weil sie sich einfach zu sehr auf ein bestehendes Konzept verlassen haben.

Ich verstehe schon, dass es reizvoll ist, einen Pionier die Arbeit machen zu lassen und dann einfach ein minimal gepimptes Konzept mit einem noch cooleren Namen an den Start zu bringen. Ist ja auch nicht jeder der geborene Entrepreneur mit Visionen, Courage und Budget. Was mir da aber fehlt, sind der Einfallsreichtum, die Kühnheit und die Neugier auf Neues. Für mich sind das drei Grundpfeiler jeder Art von Gastronomie. Auf die Schnauze fallen ist dabei natürlich ein Stück weit wahrscheinlicher als mit einem veganen, glutenfreien Törtchenladen; dafür bereichert man die Stadt um etwas komplett Neues, Eigenes. Und es ist nun wirklich kein Geheimnis, dass Stuttgart durchaus noch Luft für gastronomische Innovationen hat.

Was ist mit guter südamerikanischer Küche? Mit der US-Küche aus den Südstaaten oder aus Kalifornien? Mit spezifischer Länderküche aus bestimmten italienischen Regionen? Himmel, es gibt ja sogar kaum spanische oder portugiesische Restaurants. Selbst einen uralten Streetfood-Klassiker wie gute Tacos muss man lange suchen. Dass es anders geht, zeigt Bernd Kreis in seiner Wein-/Jazzbar High Fidelity. Dort serviert er authentisch peruanische Sandwiches, die Sánguches. Und, Überraschung: Die Stuttgarter lieben sie! Ich mag einen guten Burger ebenso wie Ramen, ich finde auch unsere Weinstubenkultur umwerfend schön und bin überzeugt, dass wir viele erstklassige Restaurants und Köch:innen haben. Ich wünschte mir nur, wir würden uns nicht immer mit abgeschauten Konzepten zufriedengeben. Von der Gastroszene in der sechstgrößten Stadt Deutschlands erwarte ich entschieden mehr. Und wenn schon nicht während der letzten beiden Corona-Jahren, dann bitteschön ab diesem Sommer. Kann ja nicht angehen, dass es große Innovationen praktisch nur bei Bosch oder Daimler gibt.

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Text © Björn Springorum
Schreibt, trinkt und isst in Stuttgart.

Illustration © Anna Ruza (Grafikerin & Illustratorin)
Nach dem Diplom in Kunsttherapie und einigen Jahren als Therapeutin genießt sie aktuell das Leben mit Mann und Mäusen vom schönen Stuttgarter Westen aus.

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Plattform #96:
Martin Elbert „Die Stimmung ist mollig. D-mollig.“

Sie ist so derartig d-mollig, ich stelle mich auf die Straße und möchte direkt von einem Gorillas-Rider überfahren werden. Dann soll er mich am Boden liegend mit gut-und-günstig-Käse-Packungen vom Edeka bewerfen. Danach setzt er sich zu mir auf die Straße, wir beginnen gemeinsam zu frühstücken und deswegen bekommt irgendein Daimler-Bosch-Porsche-Pärchen in ihrer 2000-Euro-Kalt-Wohnung entgegen aller Gorillas-USPs und Baller-Claims („Mutter, der Mann mit den Cokes ist da“) maximal zu spät seinen Einkauf. Das gibt wieder richtig Ärger mit dem CEO und den Investoren.

Falsch, es gibt überhaupt keinen Ärger, weil wir MAMPFEN die Lieferung komplett und sehr gemütlich weg. Anschließend stellt der Gorillas-Fahrer (btw in Stuttgart noch nie eine Fahrerin gesehen) seinen schwarzen HOBEL neben 30 anderen erfrierenden E-Scootern ab, kündigt den Shitjob und startet sein eigenes Business. Vielleicht einen Concept Store (alias „Krustladen“) auf einem Lastenrad, z. B. mit Strick-Stirnbändern von diesem einen dänischen Designer, den überhaupt niemand kennt, oder Barista-Schürzen aus einer Manufaktur in Saragossa. Das wird jedenfalls alles mega für ihn. Wir stehen wieder von der Straße auf, umarmen uns sehr lange und wünschen uns alles Gute für 2022.

Ein klarer Sieg für den alles regelnden Markt und ein schlechter Tag für Ann-Sophie und Joel, die sehr lange und sehr sexlos auf ihren Einkauf gewartet haben, wiederum aber ein guter Tag für ihre Lieblings-Frühstücksgastro (Fritz, logo). Weil da ging es dann für beide hin, als klar wurde, der Gorillas-Fahrer kommt heute nicht mehr. Das ist wesentlich unkomplizierter, anstatt sich selbst durch das eklige Dickicht eines Supermarkt zu schlagen. Pärchen-Brunch-Stimmung in Stuggiboogiewoogiebenztownie, olé olé. Der etwas unerwartete Ausflug wird natürlich sofort in die gemeinsame Excel-Cloud-Tabelle ausgaben_gastro_lifestyle_sonstiges notiert, Joel zahlt aber heute mit seinem Krypto-Wallet. Lief gut diese Woche. What a time to be a coin.

Ich habe im Jahr 2021 erneut wieder sehr, sehr vieles nicht verstanden, gerade zum katastrophalen Ende hin, in dem man machtlos einer Minderheit als Horde an Internet-Professor*innen ausgeliefert war und ist. Was ich zwischendurch aber absolut überhaupt nicht verstanden habe, ist wie man es so brutal abfeiern kann, dass einem schlecht bezahlte, maximal unter Druck stehende Menschen auf einem schwerlich steuerbaren E-Bike innerhalb von ein paar Minuten ein bisschen Krimskrams („voll Bock auf `ne TOMATE JETZT!“) vorbei bringen, nur weil man selbst zu faul ist, in den naheliegenden Supermarkt zu rennen. OKAY JAAAAA, außer du bist halt in Quarantäne.

Aber so sind wir halt alle in irgendeinem, oder besser gesagt, oft in sehr vielen Punkten dumme Arschlöcher, inklusive mir natürlich, aber hallöchen, ich flieg Kurzstrecke von Feuerbach nach Hedelfingen und bau jährlich Gelbe-Sack-Berge in der Größe einer Kleinstadt wie RIN. Letztendlich steckt doch in fast jedem von uns, mindestens so ein bisschen ein kleiner FDPler, selbst wenn wir bequemen Freedom Lovers das nicht wahrhaben wollen, was eine sehr bittere Wahrheit ist, und wir ja eigentlich für Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen sind und Parklets sehr super finden.

Ich wundere mich immer noch, warum sich so viele gewundert haben, dass bei der Bundestagswahl unter den Erstwählern die FDP am besten abgeschnitten hat. Zwei Minuten Instagram und TikTok gucken und noch bissle Deutsch-Rap hören, sollten eigentlich zum besseres Feeling für eine komplett entfesselte Teil-Generation ausreichen. Keine Frage, mit 20 wäre ich auch schon gerne Millionär gewesen, so wie die heute, aber Mitte 1990 hätte ich einen Baufirma gründen, einen Mobilfunkanbieter ins Leben rufen, Amazon erfinden oder den Markt mit AOL-CDs bewerfen müssen.

War damals alles weit außerhalb meiner Vorstellungskraft (wie auch heute) und ich war sowieso lieber raven (immer noch). Außerdem gab es noch keine so klugen, spirituellen Insta-Captions, die mir den Weg gezeigt hätten („wenn du hinfällst …“), genauso wenig wie YouTube-Masterclasses, die einem erklären, dass man in einen Monat unfassbar reich wird. Und das OHNE DAFÜR ZU ARBEITEN.

Unglaublich einfach alles und man schwankt zwischen einer fatalistischen wie-schlimm-wird’s-noch-alles Jonathan-Frantzen-Klimawandel-Essay-Stimmung und einem regenbogigem Alles-wird-gut-Geträume, weil ja zwischenzeitlich doch zehn Leute mehr Fahrrad fahren. Ja, ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Gott sei Dank gibt’s noch genügend Menschen – man sieht sie leider oft vor lauter Depperei nicht mehr – die für diese Gesellschaft in irgendeiner Form etwas Gutes tun. Engagiert, kämpferisch, selbstlos, mutig und vor allem nicht bequem.

Das ist jetzt ein ziemlich arg wie vom Balkon runter klatschen, ich weiß, aber: Danke an alle, die dieses Jahr wieder besser waren als die meisten von uns inklusive mir, und es auch nächstes Jahr wieder sein werden. Die Welt wird euch eines Tages Recht geben. Und wir anderen denken vielleicht über manches bis vieles einmal mehr nach. GaLieGrü und alles Gute für uns alle im Jahr 2022.

Text © Martin Elbert
Text & Musik • myspace-Weinkönigin 2006 • Orchideenzüchter des Jahres 1999 • Instagram-Topmodel • Instagram-Schönheit • Facility Manager @kesseltv • Nokia 8210

Illustration © Anna Ruza (Grafikerin & Illustratorin)
Nach dem Diplom in Kunsttherapie und einigen Jahren als Therapeutin genießt sie aktuell das Leben mit Mann und Mäusen vom schönen Stuttgarter Westen aus.

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Plattform #93: Kinder haben Angst vor Flugzeugen von Serkan Eren

Ich spreche oft von den zwei Welten, die mein Leben bestimmen. Da gibt es die eine Realität von mir, hier in Stuttgart. Dazu gehören der VfB, gutes Essen im Feinkostgeschäft meiner Freundin, witzige Sprüche im STELP-Team, der ein oder andere Gin Tonic, unsere schöne Wohnung im Stuttgarter Westen, die Zigarette zum Bier. Meine zweite Welt ist nicht in Stuttgart. In ihr werden hungernde Kinder in Krisengebieten zu Protagonisten. Weiterlesen

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Plattform #92: Auf dem Weg zum Nachtmanager von Nils Runge

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal vom sogenannten „Nachtbürgermeister“ gehört habe, war ich direkt von solch einer Stellenbezeichnung begeistert. Noch grün hinter den Ohren dachte ich: „Der Name: Bürgermeister einer Stadt mit Fokus auf die Nacht; die Stellenbeschreibung: nachts unterwegs sein und dafür bezahlt werden – das klingt nach einem Traumjob!“

Seitdem sind viele Tage und Nächte vergangen, in denen ich studiert, gefeiert, gearbeitet und mich ehrenamtlich für das Nachtleben in Stuttgart eingesetzt habe. Es ist viel Zeit vergangen, in der ich mich bewusst mit einer solchen Stelle auseinandergesetzt habe und mir immer klarer geworden ist, dass sie viel mehr bedeutet, als nur nachts unterwegs zu sein. Sich für das Nachtleben einzusetzen ist Leidenschaft, aber eben auch Arbeit, teilweise sehr harte Arbeit.

Das habe ich bereits mit unserem Verein Waldtraut Lichter, bei unseren Partys, auf unserem Festivalfloor oder bei zahlreichen Kooperationen mit unterschiedlichsten Akteur:innen wie der Staatsgalerie, dem CSD Stuttgart, FF*GZ oder dem „Bunter Beton“-Festival gelernt – als Ehrenamt, um Stuttgart bunter zu machen und um Alternativen zu bieten. Das Interesse am gesamten Konstrukt des Nachtlebens sank trotz der manchmal nervenaufreibenden und schwerfälligen Arbeit aber nicht, sondern wuchs im Gegenteil weiter! Ich wollte mehr darüber erfahren, ich wollte dazulernen. Die logische Konsequenz? Mich mit anderen Akteur:innen austauschen: Konferenzen und Vorträge besuchen. In der Freizeit, als Ehrenamt.

Bisher hatte ich als Projektleitung hauptberuflich auf Veranstaltungen gearbeitet und dabei die großartige Chance, ein Einzelunternehmen auf seinem Weg zur GmbH mit einer Außenstelle in London zu begleiten. Dabei habe ich als Teil eines tollen Teams viel gelernt, aber in einem anderen Kontext und auf einer anderen Art als bei Veranstaltungen. Mir hat bei dieser Arbeit die Identifikation gefehlt und vielleicht auch etwas das Politische. Daraufhin folgte die für mich logische Konsequenz: Weiterbildung. Einen Master studieren. Mit Anfang 30 als alter Hase – zumindest im Vergleich zu den meisten Kommiliton:innen.

Während des Studiums habe ich mich trotzdem auf Stuttgarts Nachtleben konzentriert. Es war 2020 – man brauchte Alternativkonzepte. Inzwischen kannte ich viele Akteur:innen in Stuttgart und erfuhr so, dass es ein Streamingangebot mit Crowdfunding für die Clubs geben sollte. Fand und finde ich super. Finde ich wichtig. Auch in solchen Zeiten sollte man ein Zeichen an die Gäste und Künstler:innen senden. Stuttgart nach außen präsentieren: United We Stream.

Aus diesem Projekt entstand 2021 die IG Clubkultur Baden-Württemberg – es wurde politischer. Kurz vor Ende meines Studiums wurde die bereits weit im Voraus vom Club Kollektiv Stuttgart und dem Pop-Büro Region Stuttgart geplante Stelle des Nachtmanagers in Stuttgart ausgeschrieben. Hallo, Traumjob! Was für ein perfektes Timing. Mit Aussicht auf das baldige Studierende machte ich mich an die Bewerbung. Die erste spannende Frage: Wer ist noch mit dabei? Ich erfuhr über Freunde den einen oder anderen Namen. Es wurde spannend. Die Bewerber:innen wurden veröffentlicht. Die Konkurrenz war groß. Jetzt begann der für mich bis dato unbekannte Teil. Das erste Mal in meinem Leben eine halbwegs professionelle Social-Media-Kampagne – theoretisch mal gehört, praktisch nie ausgeführt. Zum Glück gibt es Freunde und Freundinnen! Es bildete sich ein Team, das mir zu jeder Tag- und Nachtzeit unterstützend und ausführend zur Seite stand – teilweise mein engster und liebster Freundeskreis und meine Freundin, teilweise fast unbekannte Gesichter. Ein unglaublicher Support. Dann begann das Öffentlichkeitsvoting. Anspannung. Stop des Votings. Nachdem sich die Mehrheit der Kandidat:innen zusammen mit dem Pop-Büro dafür ausgesprochen hatte: Neustart.

Jetzt ging der ungemütliche Teil weiter: Anrufe mit der Bitte zum Voting, hunderte Nachrichten verschicken. Viel positives Feedback und Unterstützung. Aber auch im Mittelpunkt stehen, immer wieder über die Stelle reden. Überzeugen. Vertrauen schaffen. Ich mag den Mittelpunkt nur bedingt, zumindest, so lange ich mein Können nicht unter Beweis stellen kann … Außerdem auch negatives Feedback. Und wie wir halt so sind: Negatives geht einem doch nah. Zum Glück gibt es Freunde und Freundinnen, die aufbauen und helfen. Dann – Platz 3. Ich konnte es nicht fassen. Dankbarkeit!

Next Step: Die Präsentation für die Jury vorbereiten. Meine Aufregung war riesengroß. Das Gute: Allen zehn Kandiat:innen ging es ähnlich. Das Schöne: Die Stimmung war respektvoll und harmonisch. Auf der Bühne dann in Kameras schauen anstatt in Gesichter. Wie schräg ist das denn, kein Fixpunkt, keine Reaktion, keine Mimik. Nur eine grüne und eine rote Lampe. Absurd. Ab nach Hause. Hoffen. Mehr hoffen. 23.15 Uhr: Ich bin eine Runde weiter! Sekt! Viel Sekt!

Noch ist es aber nicht geschafft. Bewerbungsgespräch: Viele Augen und viele spannende Fragen zum Nachtleben und den damit verbunden Konzepten und Aufgaben. Es vergehen Tage, die sich wie Wochen anfühlen. Es dauert sehr lange. Zu lange? Haben sie jemand anderem zugesagt? Ein Wechselbad der Gefühle. Plötzlich kommt die Zusage. Bitte was? Ich habe es geschafft. Ich bin sprachlos. Ich bin unglaublich glücklich. Aber es darf noch nicht kommuniziert werden, die zweite Stelle ist noch nicht final besetzt. Schweigen. Den Freund:innen, die mich unterstützt haben, etwas vorenthalten. Ein paar Tage. Ich verstehe es, es geht um die gemeinsame Stelle. Fühlt sich trotzdem nicht gut an. Aber der Schweiß hat sich gelohnt. Aus dem Traum wird ein Job. Beginn: Jetzt.

Eine wichtige Frage bleibt offen: Wer hat die zweite Stelle? Funktioniert die gemeinsame Arbeit? Eine Koordinierungsstelle, zwei getrennte Bewerbungsverfahren. Zwei unterschiedliche Arbeitgeber. Eine gemeinsame Aufgabe. Eine gemeinsame Kommunikation, intern wie extern.

Die Stellenbesetzung wird veröffentlicht. Was folgt, ist eine Diversitätsdebatte. Bei zwei Männern verständlich. Klar, ich bin ein Mann und werde mich nie in zu 100 % in eine Frau einfühlen können. Ich hoffe aber, sensibel genug zu sein. Ich werde mir die weibliche Sicht und die Expertise von Vereinen wie Wildwasser zu Herzen nehmen und natürlich um Rat fragen. Wenn nicht genug, haut mir auf die Finger. Oder besser: Schreibt mir!

Dann Neuigkeiten: Rücktritt der zweiten Stelle. Eine wichtige Frage bleibt offen … Die Verantwortung und der Respekt vor der Stelle wachsen jedoch. Jetzt gilt es, die unterschiedlichsten Akteur:innen kennenzulernen und mit einzubeziehen, um möglichst viel zu bewegen. Ein Konzept zu erstellen, das kurzfristig, gleichermaßen aber auch langfristig und nachhaltig ist. Alles läuft wieder parallel: Freiflächen, Waggons, Einführung, Presse, Netzwerk. Viel! Viel Neues. Also Ärmel hoch und los. Die Arbeit hat gerade erst begonnen.

Nils Runge

Text © Nils Runge

Nachtmanager beim Pop-Büro Region Stuttgart (Ein Angebot der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH & der Stuttgarter Jugendhaus GmbH)

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Plattform #91: Le Le Le – Lethargie von Christoph „Marz“ Schwarz

Zugegeben, ich bin es überdrüssig. Dieser Zeit, den Nachrichten, jeglichem Gespräch, diesem Text, jeder einzelnen Vire. Schon allein, den Wiki-Artikel zu „Lethargie” gegoogelt, gefunden und fast zur Hälfte gelesen zu haben, buche ich guten Gewissens unter Tagwerk ab.

Nach getaner Arbeit gehe ich zu Bett, träume stolz vor mich hin und bin mir sicher, morgen (oder nach Neujahr) einen neuen Alltag, in dem kein Mensch Interesse an einem weiteren Text zur Coroner-Situation haben wird, begrüßen zu dürfen. Denkste! Ich bin wach, neues Jahr, gleiche Zeit, gleiche Nachrichten, gleiche Gespräche (wenn überhaupt) und immer noch keine Muse, diesem Schlamassel etwas Positives abgewinnen zu können. Geschweige denn, dies in einen sinnvollen, lebensbejahenden Text zu verschachteln. Meine Mitmenschen haben sicher ebenso großes Interesse wie ich, sich erneut gefährlichem Halbwissen von jemand auszusetzen, der nicht einmal ansatzweise so aussieht wie Dr. Drosten. Außerdem sind die alle selbst groß und kommen sicher supergut allein zurecht. Dann schalte ich den Fernseher ein …

Man sollte doch meinen, dass knapp ein Jahr reichen sollte, um Körper, Geist und Alltag diesen Lebensumständen anzupassen. Doch verrückterweise sieht man noch immer zahlreiche Körper hoch motiviert – aus welchen Gründen auch immer – umher geistern, statt einfach mal zu sitzen. Einfach so. Ohne Mission. Und in erster Linie auch ohne Risiko. Für sich inklusive aller anderen Mitmenschen sowie deren Mitmenschen und auch deren, usw. Man sollte doch auch denken, dass es ein Einfaches ist, den Anweisungen, die bis zu einem gewissen Punkt sehr simpel waren, Folge leisten zu können. Desto weniger ich dies tue und draußen rumschniefe, desto länger dauert der ganze Quatsch – oder versteh ich da was falsch?

Man sollte auch zur Annahme kommen, dass dies jedem mittlerweile äußerst leicht fallen sollte. Also einfach missionslos zu sitzen. Nach all den Monaten der anfänglichen Skepsis (wahlweise des Shoppingwahns). Dem Wunschdenken, einfach mal mehr Glück zu haben als vergangene Generationen mit ihren komischen Weltkriegen, Pandemien oder Weltkriegen während Pandemien. Der herbstlichen Erkenntnis, dass unser Karma-Level dann doch nicht so geil ist, um den Schlamassel in einem Kalenderjahr geregelt zu bekommen. Daher nun doch mal wirklich Zeit zu haben, diese nicht zu nutzen und wiederum zu erkennen, dass es vielleicht gar nicht an schlechtem Zeitmanagement oder jemand anderem lag und liegt. Außer natürlich dem Chef, der nicht ins Homeoffice kann, äh will. Vor allem hatte ich Naivling bei eventuell bevorstehenden existenziellen Ereignissen – zu denen ich neben einem Kometeneinschlag, kriegerischen Auseinandersetzungen oder Kontakt zu anderen Lebensformen auch diese Pandemie zähle – immer die Hoffnung auf, sagen wir, Einsicht.

Und natürlich ordne auch ich nicht all meine täglichen Bedürfnisse unter und schleiche mich mal zum Rewe oder sogar in die Markthalle. Nur werde ich verflixt nochmal das Gefühl nicht los, dass jegliche Empathie, Solidarität oder das so wichtige Wir-kommen-doppelt-so-gut-zurück-Gefühl einer lähmenden Lethargie oder im schlimmeren Falle boshaftem Trotz gewichen sind. Oder denkst du ernsthaft, Spahni sitzt zuhause mit Schrotflinte auf einem Haufen Impfdosen und kommt deswegen nicht mehr raus auf den Balkon zum Klatschen?

Nochmals, ich bin es überdrüssig. Irgendein Rapper hat mal gesagt „meine Zeit ist knapp bemessen“ (und anschliessend was über deine Mutter). Ich gebe ihm da Recht, zumindest mit Ersterem. Die Zeit ist gerade zwar etwas fülliger vorhanden, mir aber immer noch viel zu schade, um Schuldige zu suchen, keine Maske zu tragen oder zu spekulieren, wann und ob auch alle ihren Lethargie-Kater möglichst schnell in Pflege geben, wenn die Türen sich mit gutem Gewissen wieder öffnen können. Sie werden wieder aufgehen, ganz sicher. Selbiger Rapper sagte übrigens auch „ich seh’ die Dinge realistisch“. Also bleib ich bis dahin einfach hier sitzen und beobachte Bob Ross beim Malen. Bleibt gesund und kommt bitte alle wieder!

P.S.: Wer beide Süßigkeiten im Text findet, gewinnt einen Vorrat Karamell/Spekulatius 😉

 

 

Text © Christoph „Marz“ Schwarz

Normalerweise mit den Bixtie Boys auf der Bühne, bei Wirscheissengold im Studio oder im Stadion anzutreffen, hat sich der Rapper diesmal von Zuhause aus unserer Plattform gewidmet.

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PLATTFORM #89:
„How to Marie Kondō my Friendslist”

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Ein Gutes hatte der Shutdown: Unsere Buden sind so schön wie nie zuvor. Je länger wir in unseren eigenen vier Wänden herumgehangen sind und Staub von A nach B gewirbelt haben, umso klarer wurde uns, dass wir eigentlich zu viele Staubfänger besitzen. Dinge, die wir irgendwann schick oder sinnvoll fanden, die aber keins von beidem sind, und die wir trotzdem aufgehoben haben, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist und ein faules obendrein.

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